Neu­lich war Cris­tina Fernández de Kirchner zu Gast im Bio­tech­no­lo­gi­schen Institut von Buenos Aires. Die Staats­prä­si­dentin hat sich grob erklären lassen, was es so auf sich hat mit dem gene­ti­schen Mate­rial der argen­ti­ni­schen Schafe. Halb im Scherz regte sie das Klonen von Fuß­ball­spie­lern an, sie denke da beson­ders an Diego Mara­dona, Juan Sebas­tián Verón und Lionel Messi. Und könnte man bei der Gele­gen­heit nicht gleich die Erb­sub­stanz anderer neu­tra­li­sieren? Cris­tina Fernández de Kirchner wählte dafür die Vokabel »des­clonar«.

Es sind dabei keine Namen genannt worden, aber viele Argen­ti­nier werden an Carlos Sal­vador Bilardo gedacht haben. Der 71-Jäh­rige mit der inter­es­santen Berufs­kom­bi­na­tion Frauenarzt/​Fußballtrainer ist so etwas wie der Schat­ten­fürst des argen­ti­ni­schen Fuß­balls. Das Gegen­ge­wicht zum Schönen und Spek­ta­ku­lären, also zu Diego Mara­dona.

Dass die beiden heute im WM-Spiel gegen Nigeria als Trainer und Assis­tent gemeinsam auf der Bank sitzen, kommt einer Qua­dratur des Balles ziem­lich nahe. Genauso gut könnte die Bun­des­re­gie­rung von einer Kanz­lerin Angela Merkel mit einem Außen­mi­nister Guido Wes­ter­welle geführt werden (was bekannt­lich undenkbar ist). 

»Fair Play ist eine Erfin­dung der Briten«

Mara­dona hat Argen­ti­nien mit seiner Kunst wieder den Ruf einer kul­ti­vierten Fuß­ball­na­tion ver­schafft. Es war dieser Ruf zwi­schen­zeit­lich ver­loren gegangen durch Spieler wie Bilardo. Der diente einst als Ver­tei­diger den Estu­di­antes de La Plata und seine Spe­zia­lität waren die gar nicht so ver­steckten Fouls. 1968, als die Welt­po­kal­spiele zwi­schen den Sie­gern von Euro­pa­pokal und Copa Ame­rica noch die Fort­set­zung des Krieges mit Leder­bällen waren, öff­nete Bilardo das Schien­bein des groß­ar­tigen Bobby Moore bis zum Kno­chen. Sein Ver­hältnis zum phy­sisch geprägten Spiel hat er mal so beschrieben: »Fair Play ist eine Erfin­dung der Briten.«

Argen­ti­nien war nie so richtig glück­lich mit Bilardo, mal abge­sehen von jenem Sommer vor 24 Jahren, als er Argen­ti­nien zum zweiten und bis­lang letzten Mal zum Welt­meister machte. Das war aller­dings weniger das Werk des Trai­ners Bilardo. Diego Mara­dona war 1986 auf der Höhe seines Kön­nens und ist der bis heute ein­zige Spieler, der eine Welt­meis­ter­schaft fast im Allein­gang gewonnen hat. Bilardo hielt sich zurück, seine Taktik hieß Mara­dona. Als er das Expe­ri­ment vier Jahre später wie­der­holen wollte, war sein Schlüs­sel­spieler von Ruhm und Drogen zwar noch nicht zer­fressen, aber schon reich­lich ange­knab­bert. Argen­ti­nien knüp­pelte sich mit viel Glück und Beton-Fuß­ball bis ins Finale von Rom und schaffte es dort gegen die Deut­schen immerhin ein paar Mal über die Mit­tel­linie.

Für Bilardo war danach Schluss als Natio­nal­trainer, und auch die Bezie­hung zu Mara­dona ging in die Brüche. 1993 kom­pli­men­tierte er beim FC Sevilla den geal­terten Welt­star vor die Tür. Es war Diego Armando Mara­dona, der nach ange­mes­sener Ver­jäh­rungs­frist die skur­rilste der vielen skur­rilen Geschichten über Carlos Sal­vador Bilardo erzählte: Wie dieser bei der WM 1990 im Ach­tel­fi­nale dem Bra­si­lianer Branco eine mit Schlaf­mittel kon­ta­mi­nierte Was­ser­fla­sche reichte. Branco verlor seine Sinne und Bra­si­lien das Spiel. Bilardo hat diese Geschichte nur halb­herzig demen­tiert.

Mara­dona hätte gern einen anderen Assis­tenten rekru­tiert, als ihm der argen­ti­ni­sche Ver­band AFA im Oktober 2008 das Amt des Natio­nal­trai­ners antrug. Der mäch­tige AFA-Prä­si­dent Julio Gron­dona aber fürch­tete um seinen Ein­fluss und bestand auf Bilardo. Dieser wählte zur Amts­ein­füh­rung seines künf­tigen Chefs ein zwei­fel­haftes Kom­pli­ment: »Wenn Franz Becken­bauer Trainer sein kann, dann kann Diego das auch.«

Zwi­schen­zeit­lich über­nahm der unge­liebte Schat­ten­mann das Kom­mando, als Mara­dona nach einer Nie­der­lage in der WM-Qua­li­fi­ka­tion gegen Para­guay die Mann­schaft spontan ver­ließ, um sich einer Schlank­heitskur zu unter­ziehen. Allein sein großer Name hielt Mara­dona im Amt.

Inzwi­schen hat er sich, nach ein paar hand­festen Belei­di­gungen und rhe­to­ri­schen Kriegs­er­klä­rungen gegen die argen­ti­ni­schen Jour­na­listen, mit dem selt­samen Modus arran­giert. 

In Süd­afrika sind die Rollen klar ver­teilt. Mara­dona gibt sich so sanft­mütig wie die Schafe, die Cris­tina Fernández de Kirchner neu­lich im Bio­tech­no­lo­gi­schen Institut in Buenos Aires besucht hat. Bei der Ankunft in Pre­toria ver­kün­dete er seine immer­wäh­rende Liebe zu Süd­afrika, er lacht und scherzt und herzt im Trai­ning auch jene Spieler, die einen Kopf größer sind. Bilardo ist zuständig für die Rän­ke­spiele im Hin­ter­grund und für die derben Sprüche. Gerade erst irri­tierte er mit der Ankün­di­gung, er werde sich »von hinten nehmen lassen von dem Spieler, der uns zur Welt­meis­ter­schaft schießt«.

So etwas hat man von Mara­dona schon ein ganzes Jahr lang nicht gehört. Für seine Ver­hält­nisse ist das eine gefühlte Ewig­keit.