Diese Geschichte von Jens Reh­hagel wird gerne erzählt. Wie er in einem Ama­teur­spiel des Platzes ver­wiesen wurde, kein großes Ding eigent­lich, und wie der Schieds­richter Reh­hagel hin­terher brüllte: ​Und richten Sie ihrem Vater einen schönen Gruß von mir aus.“ Der Fluch des pro­mi­nenten Vaters Otto, all­ge­gen­wärtig auch auf einem unter­klas­sigen Sport­platz.
Im deut­schen Pro­fi­fuß­ball gibt es gerade einmal eine Hand­voll Fuß­ball­fa­mi­lien. Die Topp­möl­lers, die Becken­bauers, die Hal­lers, die Sam­mers, die Dör­fels, die Cull­manns, die See­lers. Und wie im Falle des Filius von Otto Reh­hagel gelingt den Söhnen nur selten der Sprung aus dem langen Schatten der Väter. Was wenig damit zu tun hat, wie gut die Söhne tat­säch­lich mit dem Ball umgehen können, hin­gegen viel mit den Sehn­süchten des Publi­kums.
Denn die Erwar­tungen der Fuß­ball­volkes steigen pro­por­tional: Je berühmter der Vater, desto talen­tierter zwangs­läufig auch der Sohn. Ein merk­wür­diger Mecha­nismus, den in Deutsch­land bei­spiels­weise Stefan Becken­bauer, der Sohn des wohl besten deut­schen Fuß­bal­lers aller Zeiten, zu spüren bekommen hat. Früh hatte der Filius aus der ersten Becken­bauer-Ehe mit Bri­gitte Witt­mann fuß­bal­le­ri­sches Talent bewiesen, als ein­ziges der zahl­rei­chen Becken­bauer-Kinder kam es über­haupt für den Pro­fi­fuß­ball in Frage. Plan­gemäß war Stefan dann auch 1988 mit acht­zehn Jahren in den Pro­fi­kader des FC Bayern auf­ge­rückt. Es schien alles gerichtet, für eine große Kar­riere für das medial gefei­erte ​Rie­sen­ta­lent“, die min­des­tens so glanz­voll ver­laufen sollte wie die von Kaiser Franz. Eine glit­zernde, fas­zi­nie­rende Kon­struk­tion mit kleinen Schön­heits­feh­lern: Denn der Sohn kickte zwar eben­falls in der Abwehr, dachte aber gar nicht daran, wie einst sein Vater den leicht­fü­ßigen Diri­genten zu geben. Und Ste­fans Talent war zwar durchaus respek­tabel, jedoch weit ent­fernt von der genia­li­schen Inter­pre­ta­tion des freien Mannes durch den Vater. Vom Willen zur Füh­rung mal ganz abge­sehen. Nach zwei Jahren war Stefan Becken­bauer bei den Bayern geschei­tert und wech­selte zum Lokal­ri­valen TSV 1860, sein bit­terer Kom­mentar: ​Ich konnte meinen Vater nicht mehr sehen!“ Es folgten Tin­gel­jahre in der Pro­vinz, sein größter Erfolg: Ein 18. Platz mit dem 1.FC Saar­brü­cken in der Bun­des­liga-Saison 1992/93. Seither gilt Becken­bauer als Inbe­griff des geschei­terten Sohnes, ganz so, als habe der Juni­or­chef binnen Jah­res­frist die flo­rie­rende Firma des Vaters rui­niert. Eine hypo­the­ti­sche Frage, wie Stefan Becken­bauer heute wohl beur­teilt würde, stünde sein Nach­name noch nicht als Welt- und Euro­pa­meister in den Annalen.

Eine Frage, die sich auch andere pro­mi­nente Spröß­linge stellen könnten. Jürgen Haller, der Sohn des Augs­bur­gers Helmut Hal­lers, dem sein Vater zum fünften Geburtstag den Ball aus dem WM-End­spiel 1966 im Wem­bley schenkte und der sich später für eine Saison bei kurz­zei­tigen Erst­li­gisten Blau Weiß 90 Berlin ver­suchte, ohne aller­dings son­der­lich auf­zu­fallen. Oder Carsten Cull­mann, Sohn der Kölner Ikone Bernd Cull­mann, der beim 1.FC Köln seit Jahren unau­fällig den Kader kom­plet­tiert. Als Spieler durch­schnitt­lich, als Söhne in den Augen der Öffent­lich­keit den­noch eine Ent­täu­schung. Weil sie eben keine exakten Wie­der­gänger ihrer berühmten Vor­fahren waren. Viel­leicht noch mehr als die über­große Erwar­tungs­hal­tung beschwert ein ständig mit­schwin­gender Gene­ral­ver­dacht das Leben der Fuß­bal­ler­söhne. Denn das miss­traui­sche Publikum wit­tert bei Miss­erfolg schnell unsport­liche Fami­li­en­bande. Dass berühmte und damit ein­fluss­reiche Vater die Kar­rieren der Söhne aktiv beför­dern, wird auf den Rängen schnell gemut­maßt, die tat­säch­liche Ein­fluss­nahme bleibt Spe­ku­la­tion. Nur selten wird mit der fami­liären Unter­stüt­zung so offensiv umge­gangen wie im Falle der Familie Topp­möller. Als offenes Geheimnis gilt, dass Vater Klaus den Wechsel von Sohn Dino zum VfL Bochum im Jahre 1993 durch Für­sprache bei Bochums Prä­si­dent Alte­goer for­cierte, nachdem er den Soh­ne­mann bereits zuvor beim 1.FC Saar­brü­cken trai­niert hatte. Und auch sonst gab Vater Topp­möller gerne die Drü­cker­ko­lonne für den Nach­wuchs: ​Dino hat alles drin im Kopf“, wurde er nicht müde, zu ver­künden, ​aber jetzt muss es mal raus.“ Dino gibt das Lob brav zurück, er sei ​stolz, Topp­möller zu heißen“ und er wolle ​später nicht sagen müssen, ich konnte Vater nie das Wasser rei­chen.“

Mehr dazu, zu den Mal­dinis und ein großes Inter­view mit Du-Ri Cha in Aus­gabe # 34!