Es ist erst ein paar Tage her, da dis­ku­tierte die Fuß­ball­welt dar­über, ob der Argen­ti­nier Lionel Messi durch den Gewinn des Welt­meis­ter­po­kals nun end­gültig zum größten Spieler der Fuß­ball­ge­schichte auf­ge­stiegen sei. Und so ver­bissen diese Debatte geführt wurde, so ergeb­nislos musste sie bleiben. Denn es gibt ihn nicht, den größten Spieler über alle Dekaden hinweg. Was es gibt, sind die größten Spieler ihrer Zeit. Diego Mara­dona, der die häss­li­chen Acht­ziger zu einem wun­der­schönen Fuß­ball­jahr­zehnt machte. Johan Cruyff, der in den Sieb­zi­gern den Fuß­ball in die Moderne kata­pul­tierte. Zine­dine Zidane, der dem Spiel end­lich seine Geschwin­dig­keit gab.

Und natür­lich und vor allem und immer der Bra­si­lianer Pelé. O Rei, der König, haben sie ihn in seiner Heimat genannt, die höchste Ehre in einem Land, das unzäh­lige Fuß­ball­le­genden her­vor­ge­bracht hat, von Gar­rincha über Socrates bis zu Ronaldo. Über allen Gene­ra­tionen groß­ar­tiger Kicker jedoch schwebte stets Pelé, seit er als gerade 17jähriger bei der WM 1958 die ganze Welt mit seinen Tricks, seinen Läufen und Schüssen ver­zau­bert hatte. Eigent­lich hatte der Junge aus der Klein­stadt Três Cora­ções im Südosten Bra­si­liens gar nicht mit­fahren sollen. ​Zu infantil“ hatten die Mann­schafts­ärzte über den Bur­schen geur­teilt, der ein paar Jahre zuvor noch barfuß auf der Straße mit einer in Socken gewi­ckelten Grape­fruit gekickt hatte.

Ein unsicht­barer Königs­mantel hängt um seine Schul­tern“

Nun rieb sich das Publikum im aus­ver­kauften Stock­holmer Rasunda-Sta­dion und an den Fern­seh­ge­räten die Augen, so sehr spielte die Sel­ecao, die erst­mals in ihren schon bald iko­ni­schen gelben Tri­kots auf­lief, Katz und Maus mit den schwe­di­schen Gast­ge­bern. Und kaum zu glauben war, wie Pelé beim Stande von 2:1 für Bra­si­lien den rasant her­ab­flie­genden Ball im Straf­raum spie­le­risch mit der Brust stoppte, ihn mit Ele­ganz über den schwe­di­schen Ver­tei­diger hob und schließ­lich in See­len­ruhe Volley ein­schob. Die Film­auf­nahme machte Pelé auf der ganzen Welt zum Star, er selbst schien den Welt­ruhm zu ahnen, als er sich nach dem Schluss­pfiff wei­nend an die Brust des erfah­renen Kee­pers Gilman drückte.

Das Wesen dieses Fuß­ball­spie­lers zu beschreiben, daran mühten sich als­bald Schrift­steller, Jour­na­listen und Gegen­spieler ab. ​Ein unsicht­barer Königs­mantel hängt um seine Schul­tern“ schwärmte Dra­ma­tiker Nelson Rodri­gues und Pelés ita­lie­ni­scher Gegen­spieler Tar­cisio Burg­nich sprach ehr­furchts­voll: ​Ich sagte mir vor dem Spiel, dass Pelé auch nur aus Fleisch und Blut bestehe wie ich. Ich hatte mich geirrt.“ Und Edu­ardo Galeano, der große Dichter Südamerikas, sah schließ­lich, wie sich Gegen­spieler in der Mauer umdrehten, um stau­nend Pelés Tore mit eigenen Augen zu sehen. Poesie oder Wirk­lich­keit? Es waren Ver­suche, eine ganz neue Art des Fuß­balls zu beschreiben, die die Beherr­schung des Spiel­ge­räts in Per­fek­tion vor­aus­setzte, mehr noch aber davon abhing, das zukünftige Geschehen auf dem Feld zu erahnen. Andere traten den Ball, Pelé strei­chelte ihn. Andere standen da, wo der Ball gerade war, Pele stand längst dort, wo er hin­kommen würde.

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Doch kaum war Pelé ins Schein­wer­fer­licht getreten, lernte er die Schat­ten­seiten seiner glo­balen Popu­la­rität kennen. Auf dem Platz ver­rich­teten Ver­tei­diger ihre Auf­gaben, den bra­si­lia­ni­schen Welt­star zu stoppen, mit grim­miger Bru­ta­lität, er musste lernen ihren Grät­schen mit atem­be­rau­bender Wen­dig­keit aus­zu­wei­chen. Und im rich­tigen Leben wurde Pelé von der überschäumenden Liebe, die ihm in seinem Hei­mat­land ent­ge­gen­schlug, bei­nahe erdrückt. Hier wie dort half Pelé seine eher schlichte Sicht aufs Leben und der tiefe Glaube, den er in Inter­views immer wieder her­vorhob. Er begriff seinen Auf­stieg, die Siege wie den welt­weiten Ruhm, als eine Art Got­tes­ge­schenk, das er in Demut annehme.