Tschüss, bis zum nächsten Mal“, sagt Henrikh Mkhitaryan. Er tut dies mit einem leisen, so charmanten Lächeln, dass man für einen Augenblick versucht ist, ihn zum Abschied zu umarmen. Schließlich hat man in dem jungen Mann gerade einen neuen Freund fürs Leben gefunden. Dann geht der teuerste Fußballer in der Geschichte von Borussia Dortmund den Gang entlang, vorbei an der futuristischen Mischung aus Ballmaschine und Bolzkäfig namens Footbonaut, und macht sich auf den Weg zum Trainingsplatz. Als die Tür hinter ihm zuschlägt, erinnert man sich wieder daran, dass dies nur ein beruflicher Termin für den Profi aus Armenien gewesen ist. So wie viele Dutzend in der Vergangenheit und vermutlich hunderte in der Zukunft.
In solchen Momenten wird deutlich, warum bei der Borussia alle so großen Respekt vor Mkhitaryan haben. Nicht wegen seiner fußballerischen Fähigkeiten – obwohl viele Alteingesessene Stein und Bein schwören, dass seit Paolo Sousa kein besserer Kicker das schwarz-gelbe Trikot getragen hat. Sondern weil sich niemand an einen Neuzugang erinnern kann, der ein ähnlich einnehmendes Wesen gehabt hätte wie der Mann, für den die Borussia vor Saisonbeginn 27,5 Millionen Euro bezahlte. Mkhitaryan kommt stets so umgänglich, freundlich, bescheiden und höflich daher, dass ihn jeder rasch ins Herz schließt. Selbst Journalisten.
„Wenn man irgendwo hingeht, egal wohin, muss man freundlich zu allen Menschen sein“, sagt er, als er darauf angesprochen wird, wie offenkundig beliebt er in seinem Umfeld ist. „Es hilft einem bei der Integration, aber es ist auch gut für die Zukunft, wenn man Freunde hat. Wer weiß, vielleicht braucht man später einmal, in zehn Jahren oder so, die Hilfe von jemandem. Und dann ist es gut, wenn er sich positiv an dich erinnert. Freundlichkeit ist nicht nur eine Sache des Moments, sie wird dir später einmal helfen. Ich bin einfach gerne freundlich.“
Was den Spielmacher des BVB abseits des Platzes zu einer ausgesprochen angenehmen Erscheinung macht, kann ihm bei der Berufsausübung allerdings schon mal als Mangel an Leidenschaft ausgelegt werden. Er ist nun mal kein Mann der großen Gesten und gefletschten Zähne. Er nimmt grobe Fouls seiner Gegenspieler gleichmütig und mit derselben undurchdringlichen Miene hin wie Fehlpässe seiner Mitspieler. „Ich kann kein Egoist sein, wenn ich in eine Mannschaft komme, und nur an mich denken“, sagt er. „Ich kann doch nicht neu irgendwohin kommen und dann die anderen Spieler anschreien oder mich aufspielen.“
Wer ihn fragt, ob ihm schon mal ein Trainer gesagt habe, dass er zu nett sei, erlebt zwei Überraschungen. Die erste ist, dass der Mann, der im Fernsehen immer so ernsthaft wirkt, laut auflacht. Die zweite ist, dass er sagt: „Das haben alle Trainer gesagt. Alle haben mir gesagt, dass ich zu viel für die Mannschaft spiele und dass es manchmal gut sein kann, egoistischer zu sein. Also versuche ich, ein Egoist zu sein.“ Bevor der Zuhörer auf dumme Gedanken kommt, schränkt er ein: „Aber nur auf dem Platz!“
Man muss kein Experte für Persönlichkeitsentwicklung sein, um zu verstehen, warum Henrikh Mkhitaryan so ist, wie er ist. Der Armenier hat früher und vermutlich auch schneller als die meisten anderen Menschen lernen müssen, wie man sich verhalten sollte, wenn man „neu irgendwohin kommt“ – zum Beispiel in ein anderes Universum. Und dass es Lebensumstände gibt, unter denen Egoismus nicht bloß eine unangenehme Eigenschaft ist, sondern eine gefährliche.
Henrikh Mkhitaryan wurde Anfang 1989 in der armenischen Hauptstadt Jerewan geboren, als das kleine Land an der Ostgrenze der Türkei noch eine Teilrepublik der Sowjetunion war. Sein Vater war ein recht bekannter Fußballprofi, der Mitte der Achtziger mal zweitbester Torschütze der sowjetischen Liga wurde, obwohl sein Verein in jener Saison lange im Abstiegskampf steckte. Er trug den ungewöhnlichen Vornamen Hamlet, für den sein Sohn heute keine Erklärung hat. Jedenfalls war es nicht so, als wären Henrikhs Großeltern solch große Shakespearefreunde gewesen, dass sie ihr einziges Kind nach einer Theaterfigur benannten. Fragen konnte Henrikh sie nicht, denn nur sieben Monate nach seiner Geburt siedelte Hamlet Mkhitaryan mit seiner Familie nach Frankreich um und schloss sich dem unterklassigen Verein ASOA Valence an, den er einige Jahre später zum Aufstieg in die zweite Liga schießen würde.
Warum der damals 26 Jahre alte Stürmer im besten Sportleralter ausgerechnet nach Valence ging, erklärt das zweite „A“ im Vereinsnamen. Es steht für „Arménienne“ und verweist darauf, dass dieser Klub von armenischen Einwanderern gegründet worden ist, die ihre Heimat einst aus Angst um Leib und Leben verlassen haben. Die christlichen Armenier waren in ihrer Geschichte oft Opfer von religiöser Verfolgung. Das ist einer der Gründe, aus denen sie heute über die ganze Welt verstreut sind. „In Armenien leben etwas mehr als drei Millionen Menschen“, rechnet Henrikh Mkhitaryan vor. „Aber auf dem Rest der Erde leben über acht Millionen Armenier! Familie von mir lebt in den USA, in Russland, in Frankreich … eigentlich überall.“
Henrikh und seine drei Jahre ältere Schwester Monika wuchsen als Franzosen auf, oder zumindest hatten sie eine in weiten Teilen westeuropäisch geprägte Kindheit. Auf Fotos aus jener Zeit lässt sich kein Unterschied erkennen zwischen den beiden Geschwistern und den Nachbarskindern, mit denen sie bei einem Grillfest spielen, an einem heißen südfranzösischen Sommertag am Campingtisch sitzen oder sich für die Kamera in Positur werfen. Auffallend ist höchstens, dass der kleine Henrikh auf vielen Fotos in der Nähe seines Vaters zu sehen ist. Und das fällt wohl nur deshalb auf, weil der Betrachter heute weiß, dass die glücklichen Tage damals schon gezählt waren, ohne dass die Familie es ahnte. Noch hatte sie nicht erfahren, dass in Hamlets Kopf ein Gehirntumor wucherte.
„Ich bin in Frankreich groß geworden und kam zurück nach Armenien, als ich sieben Jahre alt war“, sagt Henrikh Mkhitaryan über den großen Einschnitt in seinem Leben. „Wir gingen zurück, weil mein Vater schwer krank war.“ Auch mehrere Operationen konnten Hamlet Mkhitaryan nicht retten. Er kehrte zum Sterben in die Heimat zurück und erlag der Krebserkrankung im Alter von nur 33 Jahren.
Es macht seinem Sohn heute, fast zwei Jahrzehnte später, augenscheinlich nichts aus, über diese Zeit zu reden. Zwar lächelt der bislang so aufgeräumte Henrikh Mkhitaryan jetzt nicht mehr, aber seine Stimme ist so fest wie sein Blick, als er sagt, er habe wohl einen Teil seiner Kindheit verloren. Später erzählt er, dass er sich noch heute Videos von seinem Vater ansieht, und zwar nicht nur Spiel- und Trainingsszenen des Fußballers, sondern auch private Aufnahmen von Hamlet Mkhitaryan, dem Oberhaupt einer kleinen Familie. „Es musste ja weitergehen“, sagt er. „Wir hatten unser Leben noch und mussten es weiterleben. Ich denke, das war auch der Grund, aus dem wir überhaupt nach Armenien zurückkamen: um nach dem Tod meines Vaters weitermachen zu können. Wenn er gesund geblieben wäre, hätten wir weiter in Frankreich gelebt.“
So musste der gerade mal schulreife Henrikh gleich auf mehreren Ebenen neu erlernen, wer er war und welche Rolle er spielen sollte. Denn er hatte ja nicht nur seinen Vater verloren, sondern war auch noch gleichzeitig in ein Paralleluniversum katapultiert worden. „Ich wusste im Grunde nichts über Armenien, als wir Frankreich verließen“, sagt er. „Erst als wir wieder in Armenien lebten, begann ich mich auch wieder als Armenier zu fühlen. Vieles war mir fremd. Aber meine Mutter sprach mit mir, um mir alles zu erklären. Sie hat mir in dieser Zeit viel über mein Heimatland und seine Kultur erzählt.“
Heute ist der Dortmunder Profi so armenisch, dass er im Gegensatz zu fast allen seinen Kollegen kein Freund von Spielkonsolen und anderem technischen Schnickschnack ist, sondern den ruhigen, bedächtigen und etwas altmodischen Nationalsport Armeniens viel faszinierender findet: Schach. „Ich spiele nicht gerne Playstation, weil mich das nervös macht“, sagt er lachend und setzt dann etwas ernsthafter hinzu: „Heute sind alle nur noch an technischen Geräten interessiert. Selbst wenn gespielt wird, passiert das am Computer oder am Telefon.“
Damals hingegen wird die Umstellung auf eine armenische Lebensweise – zumal unter der größten emotionalen Belastung, die man sich denken kann – enorm schwierig gewesen sein. Doch es musste, wie Mkhitaryan sagt, ja weitergehen. Und wie es weiterging, das ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser ganzen wendungsreichen Familiengeschichte. Denn in einem Land, in dem die Geschlechterrollen noch immer traditionell interpretiert werden, stellten sich die weiblichen Mitglieder der Familie Mkhitaryan zunächst einmal als ziemlich patent heraus. Und dann drehte es das Schicksal so, dass alle Mkhitaryans auch noch im Beruf des so früh verstorbenen Vaters und Ehemanns landeten – im Fußball.
Den Anfang machte Henrikhs Mutter, Marina Tashchyan. (In Armenien behalten die Ehepartner oft den Familiennamen, den sie bei der Heirat trugen.) „Als mein Vater starb, musste sie Arbeit finden, um ein Einkommen zu haben und die Familie zu ernähren“, sagt Mkhitaryan. „Und so nahm sie damals einen Job beim Verband an und arbeitet dort noch immer.“ Heute leitet Marina Tashchyan gleich zwei Abteilungen im armenischen Fußballverband. Sie ist sowohl für die Arbeit an der Basis als auch die Koordination der verschiedenen Auswahlmannschaften verantwortlich. „Sie kann ohne Arbeit nicht leben“, sagt ihr Sohn seufzend.
er Nächste war natürlich Henrikh. Er trat in Jerewan in den FC Pjunik ein und verschrieb sich völlig dem Fußball. Als er im vergangenen Sommer, kurz nach seinem Wechsel nach Dortmund, in einem Interview erwähnte, dass er den BVB schon verfolgt habe, als Jan Koller und Tomas Rosicky noch Schwarz-Gelb trugen, war das weder Anbiederei noch Übertreibung. „Das lag einfach daran, dass ich immer schon nichts anderes gemacht habe, als Fußball zu schauen“, führt er aus. „Das war vor zehn Jahren nicht anders als heute. Ich habe mich mein ganzes Leben lang für Fußball interessiert. Ganz egal, ob es die französische Liga war, die englische, spanische, italienische oder deutsche. Ich habe alle Spiele gesehen, die ich sehen konnte.“
Schließlich landete auch Monika im Fußball. Und zwar ganz oben. Sie arbeitet heute für keinen Geringeren als Michel Platini im UEFA-Hauptquartier in der Schweiz. „Ja, das ist irgendwie komisch“, sagt ihr Bruder. Und lacht mal wieder, wie eigentlich ständig während des Gesprächs. „Aber jeder von uns hat sich seinen Job selbst gewählt. Es ist einfach so passiert. Als Michel Platini UEFA-Präsident werden wollte, reiste er im Rahmen seines Wahlkampfes durch ganz Europa und besuchte auch Armenien. Und dort hat meine Schwester für ihn gedolmetscht, weil sie natürlich perfekt Französisch spricht.“ Als Monika dann einige Jahre später nach einem Studium in Frankreich eine Praktikumsstelle suchte, schickte sie viele Bewerbungen los. Die erste positive Antwort kam von der UEFA. „Man hat sich wahrscheinlich an sie erinnert“, sagt Mkhitaryan. „Es war Zufall.“
Die schwierigen Jahre nach dem Tod des Vaters lehrten Mkhitaryan nicht nur, wie man sich an veränderte Umstände und eine fremde Kultur anpasst, sie schweißten auch die drei hinterbliebenen Mitglieder der Familie eng zusammen. Zu dritt konnten sie nur über die Runden kommen, wenn jeder Einzelne sich zurücknahm. Egoismus war fehl am Platz, die Familie musste als Einheit funktionieren. Das ist der Grund, aus dem die drei heute noch alles miteinander besprechen, was für einen von ihnen wichtig werden könnte. Und warum Mircea Lucescu, Mkhitaryans Trainer bei Schachtar Donezk, mal stöhnte: „Jedes Mal, wenn ich ihn was frage, antwortet er: ›Da muss ich erst mit meiner Mutter reden.‹“ Vielleicht war es dieses Zitat, das zu dem Gerücht führte, Mkhitaryans Mutter hätte auch lange als seine Beraterin fungiert. Aber das ist natürlich völliger Unsinn. „Nein“, sagt Mkhitaryan, „das war meine Schwester.“ Und lacht.
Erst als er den Sprung von Schachtar Donezk zu einem großen europäischen Verein wagen wollte, konnte Mkhitaryan die Verhandlungen nicht mehr seiner Schwester anvertrauen, so clever sie auch sein mochte. (Schon allein weil der anstehende Transfer äußerst kompliziert zu werden versprach, da die Rechte nicht nur bei Schachtar lagen, sondern auch bei Mkhitaryans vorherigen Vereinen, Pjunik Jerewan und Metalurh Donezk.) Zusammen, als Familie, entschieden sich Henrikh, Monika und Marina für den Star-Agenten Carmine „Mino“ Raiola. Es war eine seltsame Wahl, denn der Italiener Raiola gilt als exzentrisch, hemdsärmelig, halbseiden und aufbrausend (siehe dazu auch Seite 88 dieser Ausgabe). Anders gesagt: Er ist alles, was Mkhitaryan nicht ist. Vielleicht bekam Raiola gerade deswegen den Deal in trockene Tücher, den der Armenier haben wollte. „Ich bin ihm dankbar, denn er hat bei meinem Wechsel zu Borussia Dortmund einen guten Job gemacht“, sagt Mkhitaryan, dem auch Angebote aus der Premier League vorlagen. „Ich hatte mir Dortmund ausgesucht, weil ich die Art mochte, wie sie dort spielen. Die Spieler gefielen mir auch – und dann war da natürlich noch der großartige Trainer, Jürgen Klopp. Nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, war die Entscheidung für mich gefallen. Da wollte ich nur noch nach Dortmund.“
er wissen will, warum der BVB wiederum unbedingt wollte, dass Mkhitaryan nach Dortmund kommt, muss den Armenier nur spielen sehen. Er ist technisch brillant, mit und ohne Ball flink, lauffreudig, handlungsschnell und spielintelligent. Könnte Klopp sich einen Profi per genetischem Baukasten zusammenklonen, dann sähe er vermutlich exakt so aus. (Leidgeprüfte Fans nörgeln, dass Mkhitaryan ein dermaßen klassischer Klopp-Kicker ist, dass zu seinen Talenten auch das Vergeben von Großchancen zählt.)
Doch trotz seiner herausragenden Anlagen gelang dem Armenier in der ersten Saisonhälfte der Durchbruch nicht so richtig. Das heißt keineswegs, dass er schlecht spielte oder gar enttäuschte. Im Gegenteil, fast immer lieferte Mkhitaryan eine mindestens ordentliche Leistung ab. Aber fast immer hatte man auch den Eindruck, dass er nur einen Bruchteil seines Potentials auf den Rasen übertragen konnte, als hindere ihn eine Sperre daran, sich zu entfalten.
Dafür gibt es natürlich eine Reihe von Gründen. Da wäre die Umstellung auf eine neue Rolle und Position: „Wenn eine Flanke von der Seite kam, musste ich im Zentrum sein“, sagt Mkhitaryan über die Aufgabe, die er fünf Jahre lang bei den beiden Klubs in Donezk zu erfüllen hatte. „Hier ist es auf eine andere Art anspruchsvoll, denn wir spielen auf Konter und brauchen jemanden, der den Ball schnell vom einen Strafraum zum anderen bringt.“ Dazu kamen noch die ganzen Verletzungen – Mkhitaryans eigene (eine Blessur im Sprunggelenk, die ihn einen Monat der Saisonvorbereitung kostete) sowie die von diversen Mitspielern, was den BVB ständig zu Umstellungen zwang.
Doch das größere Problem scheint ein psychologisches gewesen zu sein. So paradox es klingen mag, Mkhitaryan wirkte vor der Winterpause oft wie jemand, der sich zu sehr auf Fußball konzentriert, um wirklich seinem Können angemessen Fußball zu spielen. „Als ich nach Dortmund kam, hat Jürgen Klopp mir gesagt, dass ich auch loslassen muss und dass es nicht gut ist, immer nur an Fußball zu denken“, sagt er. „Ich habe angefangen zu verstehen, was er damit meint, und so langsam hat sich dieser Teil von mir hier verändert.“
Es wird sicherlich nicht einfach gewesen sein, Henrikh Mkhitaryan davon zu überzeugen, dass es auch noch etwas anderes als Fußball gibt. Immerhin ist dies der Mann, der während seiner Zeit bei Schachtar nicht in der Innenstadt wohnte, sondern auf dem Trainingsgelände, um – wie er sagt – „die ganze Zeit Fußball zu leben und mich Tag für Tag zu verbessern“. Verdenken kann man ihm eine solch totale Fixierung auf das Spiel nicht. Ohne in Küchenpsychologie abgleiten zu wollen, darf es doch als sicher gelten, dass der Fußball ihm in einer entscheidenden Lebensphase half, den Verlust seines Vaters zu verarbeiten, und ihm gleichzeitig die Integration in eine fremde Gesellschaft erleichterte.
Aber in Dortmund spürten sie, dass der neue Spieler sich zu sehr selbst unter Druck setzte, weil er niemanden enttäuschen wollte. Nun ist es keineswegs so, als könnte Mkhitaryan mit Druck nicht umgehen. Seine bisher beste Leistung lieferte er im wichtigsten Spiel von allen ab: Er war der überragende Mann auf dem Feld, als der BVB im vorletzten Gruppenspiel in der Champions League einen Sieg mit zwei Toren Unterschied gegen Neapel brauchte, um das vorzeitige Aus zu verhindern. Jürgen Klopp nannte ihn nach dem Abpfiff übrigens einen „Unterschied-Macher“.
Doch in Dortmund funktioniert der Fußball weiterhin nicht über das Müssen, sondern über den Spaß am Wollen. Es galt also, in Mkhitaryan die Art von Unbekümmertheit zu wecken, die in seinem Charakter vielleicht ein wenig tiefer vergraben liegt als bei anderen Menschen. Man könnte sagen, es ging um eine Großkreutzisierung des armenischen Neuzugangs. Das Projekt scheint Erfolg gehabt zu haben, denn in der Rückrunde wirkt Mkhitaryan auf und abseits des Platzes gelöster. „In den ersten sechs Monaten fühlte ich mich unter Druck“, sagt er während des Gesprächs. „Aber das ist nicht mehr so. Jetzt bin ich locker und denke nicht mehr daran, sondern nur noch ans Training, an die Spiele und daran, wie gut das Leben ist.“
Dass es trotzdem noch ein wenig dauern kann, bis Mkhitaryan vollständig in Dortmund angekommen ist, spürt man, wenn er erwähnt, dass er noch keinen Schachpartner finden konnte. Oder als er erzählt, dass er seine Mutter schon einige Male gebeten habe, ihren Job aufzugeben und in seine Nähe zu ziehen. „Manchmal, wenn ich angespannt bin oder ärgerlich, brauche ich jemanden, mit dem ich reden kann“, sagt er. „In solchen Momenten könnte sie mir helfen. Aber weil sie beruflich sehr eingespannt ist, kann sie nur selten herkommen und dann nicht viele Tage bleiben. Und so reden wir meistens am Telefon.“
Vermutlich wird dem Armenier alles noch viel leichter fallen, sobald er erst die Sprache seiner neuen Heimat spricht. Zwar stellt die komplexe deutsche Grammatik, so hört man immer wieder, für jeden Ausländer eine große Herausforderung dar, aber Mkhitaryan muss in dieser Hinsicht eine beachtliche Begabung besitzen: Neben den Sprachen, mit denen er aufgewachsen ist (Französisch und Armenisch), und jenen, die er in der Schule gelernt hat (Russisch und Englisch), kann er sich auch noch auf Portugiesisch verständigen. Und zwar allein deshalb, weil er als 13-Jähriger im Rahmen eines Fußball-Austauschprogramms mal vier Monate in Brasilien verbracht hat. „Neben dem Training gab es auch brasilianischen Schulunterricht, so habe ich nebenbei die Sprache gelernt“, sagt er, als wäre dies das Normalste auf der Welt.
Das Gespräch mit dem Journalisten führt Mkhitaryan auf Englisch. Er weiß, dass er in dieser Sprache weit weniger eloquent ist, als wenn er auf Französisch parlieren dürfte, aber es scheint ihn nicht zu stören. Im Gegenteil, er vermittelt den Eindruck, als würde er am liebsten noch stundenlang so über Gott und die Welt und den Fußball quatschen. Dabei naht bedrohlich der Beginn der nächsten Trainingseinheit. Schließlich bekommt der Spieler von einem Angestellten des Vereins eindeutige Zeichen, dass er sich nun besser sputen solle.
„Tschüss, bis zum nächsten Mal“, sagt Henrikh Mkhitaryan und geht den Gang entlang. Als die Tür hinter ihm zuschlägt, fällt einem wieder ein, dass dies keine ungezwungene Plauderei unter guten Bekannten gewesen ist, sondern ein beruflicher Termin. Und dann fällt einem noch etwas auf. Mkhitaryan hat sich gerade in akzentfreiem Deutsch verabschiedet.