Herr Prof. Dr. Bue­ther, aktuell stehen mit Schalke, Bochum, Hof­fen­heim und Hertha gleich vier Teams mit den Ver­eins­farben Blau und Weiß im Tabel­len­keller der Bun­des­liga. Haben sie sich die fal­schen Farben aus­ge­sucht?
Grund­sätz­lich ist der Blau-Weiß-Effekt eigent­lich sehr positiv. Blau ver­binden wir evo­lu­tionär gesehen mit posi­tiven Asso­zia­tionen wie dem Himmel. Das hat was von Weite, von Ver­trauen. Des­halb ist Blau auch die Farbe der Tages­schau. In Ver­bin­dung mit Weiß hat es etwas Fröh­li­ches, Schönes und Prä­gnantes. Theo­re­tisch macht ein Verein mit der Farbe nichts falsch.

Aber?
Es gibt andere Farben, die mehr Emo­tionen her­vor­rufen.

Zum Bei­spiel?
Dar­über finden sich in der Farb­psy­cho­logie welt­weit ver­schie­dene Aus­sagen. Unter­su­chungen zeigen, dass rote Teams oder auch Ein­zel­sportler erfolg­rei­cher sind als Sportler oder Teams in anderen Farben. Die Farbe Rot steht für Lei­den­schaft, Stärke und Enthu­si­asmus, auch für Ent­schlos­sen­heit. Sie trägt eine Sie­ger­men­ta­lität nach außen. Das sind psy­chi­sche Fak­toren, die bei gleich­starken Teams einen Aus­schlag geben können. Es gibt Stu­dien dazu, dass die Farbe einen Impact hat. Ich kenne aber keine Unter­su­chungen, dass sich das auf die Tabelle aus­wirkt. Andere Fak­toren wie Stärke und men­tale Ver­fas­sung sind aus­schlag­ge­bender.

Was macht die Farbe Rot so erfolg­reich?
Im Zen­trum der Netz­haut haben wir viele rot-sen­sible Far­be­seh­zellen. Es ist phy­sio­lo­gisch so, dass uns Rot zuerst ins Auge fällt. Dazu kommt der evo­lu­tio­näre Effekt, dass Rot für emo­tio­nale Erre­gung steht. Beim FC Liver­pool, die ja auch ​Reds“ genannt werden, fühlt der Zuschauer ein lei­den­schaft­li­ches Moment. Bei den ​Blues“ wirkt es eher unter­kühlt und zurück­hal­tend.

2021 Axel Buether Fotograf Martin Jepp01

Martin Jepp

Axel Bue­ther ist Begründer der modernen evi­denz­ba­sierten Farb­psy­cho­logie. Er leitet das Institut für Farb­psy­cho­logie an der Ber­gi­schen Uni­ver­sität Wup­pertal.

Ganz all­ge­mein: Wie wirken Farben auf Men­schen?
Das ist ein weit­ge­hend unter­be­wusster Effekt. Man sagt: Über 99 Pro­zent davon kriegen wir nicht mit. Nichts­des­to­trotz steuern und lenken Farben den Alltag. Wenn Lebe­wesen Farben wahr­nehmen, hat das immer einen lebens­wich­tigen Grund. Ein Bei­spiel: Wenn das Essen auf­grund der Farben eklig aus­sieht, dann ver­geht der Appetit. Im Sport ist es so, dass uns diese evo­lu­tionär aus­ge­bil­deten Effekte, die später kul­tu­rell ver­tieft werden, wei­ter­ge­führt werden. Wir können uns der Wir­kung nicht ent­ziehen

Die Farbe Grün ist im Fuß­ball mit dem Rasen all­ge­gen­wärtig. Wel­chen Ein­fluss hat sie?
Das ist ein wun­der­barer Kon­trast. Die Fuß­baller sehen aus, als ob sie auf einem Stück Natur spielen, wie auf der Wiese vor dem Haus. Das hat etwas sehr Ursprüng­li­ches und Boden­stän­diges. Es gibt eine Ver­bin­dung, die uns ver­traut ist. Wenn wir das Grün ändern würden, käme uns das Spiel fremd vor.

Inwie­fern?
Eine andere Rasen­farbe würde ein künst­li­ches Gefühl aus­lösen. Hal­len­fuß­ball bei­spiels­weise ist nicht das gleiche Erleben wie nor­males Fuß­ball­gu­cken. Ohne diese grüne Wiese würde das Spiel meiner Ansicht nach auch in den Medien längst nicht so gut funk­tio­nieren.

Neon­farben sind wun­derbar für sport­liche Aus­ein­an­der­set­zungen, weil sie Lei­den­schaft wecken“

Welche Farbe ist eher unge­eignet für sport­liche Aus­ein­an­der­set­zungen?
Ganz klar Schwarz, auch auf Tri­kots. Diese Farbe weckt nega­tive Emo­tionen. Sie macht schon Kin­dern Angst und ist ​böse“ besetzt, wie in Filmen und Büchern. Natür­lich ist es mög­lich, es zum Nar­rativ ent­wi­ckeln wie St. Pauli mit dem Toten­kopf: Pira­ten­image mit einem Augen­zwin­kern. Wenn die Mann­schaft schwach per­formt, kann Schwarz den Ein­druck aller­dings noch weiter nach unten ziehen. Anders­herum: in Kom­bi­na­tion ändert sich alles

Wie bei Schwarz-Gelb?
Das ist ähn­lich wun­derbar wie Rot-Weiß, weil dies Warn­farb­kom­bi­na­tionen sind. Ach­tung, es droht Gefahr! Man möchte den Gegner ein­schüch­tern und Ent­schlos­sen­heit zeigen. Warn­farb­kom­bi­na­tionen mit leuch­tenden Neon­farben gibt es im Sport zuneh­mend. Das sind wun­der­bare Farben für sport­liche Aus­ein­an­der­set­zungen, weil sie Lei­den­schaft wecken.

Also sollten Fuß­ball­ver­eine ver­stärkt auf Neon­farben setzen?
Wenn sie eine Mann­schaft in Neon­farben hin­stellen, hat sie eine sehr starke Prä­senz auf dem Platz. Sie strahlt maxi­male Ent­schlos­sen­heit aus. Die Wir­kung von Neon ist noch stärker, weil es so aus­sieht, als ob es leuchtet. Neon kommt in der Natur bei Gift­schlangen, Gift­frö­schen und Gift­spinnen vor und hat eine maxi­male Abschre­ckungs­wir­kung. Wenn solche Farben auf­treten, schaut man darauf, will es nicht berühren. Gerade bei etwas, das sich bewegt. Des­halb: Eine wun­der­bare Farbe für den Sport.