Abseits der Gruppe sitzt José Antonio Reyes, nippt lustlos an einer Wasserflasche, obwohl es recht heiß ist, und lässt seinen Blick gedankenverloren durch die Gegend schweifen. Um ihn herum scherzen die Mitspieler, einige bespritzen sich mit Wasser. Reyes, 31 Jahre alt, nimmt keine Notiz von ihnen.
Am nächsten Morgen unternimmt die Mannschaft des FC Sevilla eine Paddeltour auf dem Neuruppiner See, vier Mann pro Boot. Es ist noch recht früh am Morgen, einige Spieler hatten wohl eine kurze Nacht. Reyes wirkt dagegen komplett ausgeschlafen, er springt am Ufer hin und her und versucht einige Boote am Start zu hindern, indem er sie festhält. Er lacht und macht Witze, die Melancholie des Vortags ist verschwunden.
Ein Mitspieler sagt später: „Typisch Reyes! Mal ist er so drauf und mal so. Seine Stimmung kann wechseln, ohne das es dafür einen ersichtlichen Grund gibt.“
José Antonio Reyes ist ein Rätsel. Als Mensch und als Fußballer. Vor etwas mehr als zehn Jahren galt er als das größte Versprechen des spanischen Fußballs. Eine Weltkarriere wurde ihm prophezeit, erst Recht, als er 2004 im Alter von 20 Jahren für rund 24 Millionen Euro von seinem Heimatverein FC Sevilla zum FC Arsenal wechselte. Heute mutet es verzerrt, beinahe lächerlich an, aber zu dieser Zeit war Reyes besser als Cristiano Ronaldo und mindestens genauso gut wie Wayne Rooney.
Ronaldo und Rooney haben sich später weiterentwickelt und wurden tatsächlich Weltstars, sie prägten ihre Generation, Reyes nicht. Er ist nach Stationen in London, Madrid (Real und Atletico) und Lissabon (Benfica) wieder zurück beim FC Sevilla, mit dem er heute Abend im Sechzehntelfinale der Europa League auf Borussia Mönchengladbach trifft. Wahrscheinlich darf Reyes dann spielen, so wie meistens in der Europa League, wo Trainer Unai Emery nicht immer die beste Mannschaft aufbietet. Außerdem hat Sevilla Verletzungsprobleme, vier Stammspieler fallen aus. In der Liga ist der Angreifer nur noch Teilzeitarbeiter, auf neun Einsätze kommt er bisher. Seine Bilanz: Kein Tor, zwei Vorlagen. Enttäuschend, aber in der größten Stadt Andalusiens erwarten sie mittlerweile auch nicht mehr wirklich etwas von ihrem einst größten Talent.