Im März 2020 wurde es für viele Menschen gefährlich, das Haus zu verlassen. Ein Laden nach dem anderen musste schließen. Viele Menschen, vor allem ältere waren auf sich allein gestellt. Und der Fußball? Kümmerte sich zu Beginn der Corona-Pandemie zuallererst darum, dass der Ball weiter rollen würde. Zumindest die Funktionäre. Während sie damit beschäftigt waren, das Spiel am Laufen zu halten, hatten die Fans, vor allem viele Ultras, bereits Nachbarschaftshilfen organisiert und Geld für Betroffene gesammelt. Kurzum, sie hatten ihre Reichweite und Netzwerke genutzt und sich um ihre Städte gekümmert.
Das passte nicht ganz zu dem Bild, das zu weiten Teilen immer noch in der Öffentlichkeit von Ultras herrscht. Wohl die wenigsten würden an den netten Nachbarn von nebenan denken, der beim Einkaufen hilft, oder an den gemeinnützigen Verein, der Spenden für Bedürftige sammelt. Denn wer an Ultras denkt, sieht vermutlich Pyro, fliegende Fäuste, grölende halbnackte Männer und sehr viel Bier vor dem inneren Auge.
Klickt man sich Juli 2021 durchs Internet, stehen ganz oben Bilder und Videos überfluteter Ortschaften und zerstörter Häuser. Scrollt man weiter, versprechen Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel und Noch-NRW-Ministerpräsident Armin Laschet schnelle Hilfen für die Betroffenen. Die nächste Krise ist da, während die andere noch gar nicht richtig vorbei ist. An Fußball ist da nicht zu denken, zumindest in den besonders schwer betroffenen Regionen. Im Rheinland etwa sind bis auf weiteres alle Rheinlandpokalspiele abgesagt. Auf der Verbandsseite heißt es: „Der Fußball tritt in diesen Tagen weit in den Hintergrund.“
Die Ultras sind zur Stelle
Und wieder sind es Fußballfans, die schnell reagieren und Geld oder Sachspenden sammeln. Die „Coloniacs“ vom 1. FC Köln zum Beispiel haben bereits mehr als 20.000 Euro beisammen. In Leverkusen wurde das Projekt „Ultras für Lev“ reaktiviert, das als Reaktion auf die Coronakrise gegründet wurde. Auch „Insane Ultra“ von Eintracht Trier habe „einige helfende Hände zur Verfügung“. Viele Gruppen sammeln Sachspenden. Alles wird gebraucht: von Schaufeln über Klappleitern bis hin zu Keksen und Schokolade für die Helfenden.
Die Motivation hinter dem Engagement? Die Ultragruppe aus Leverkusen schreibt: „Wir sehen Teile von Leverkusen gerade in einem Zustand, den wir so noch nicht erlebt haben.“ Das ist das Bezeichnende an den Fanszenen: sie haben einen engen Bezug zu ihrer Stadt. Da hört es aber nicht auf. Auch Szenen aus Regionen, die eigentlich nicht betroffen sind, kümmern sich – wie zum Beispiel die „Rote Kurve“ von Hannover 96. Die hat zu Spenden aufgerufen, die Hälfte wird an die Kölner Coloniacs weitergeleitet, die andere Hälfte an einen gemeinnützigen Verein in Rheinland-Pfalz.
Vielleicht muss man sich an ein anderes Bild der Ultras gewöhnen. Und vielleicht ist es auch gar nicht so überraschend, dass es die Fanszenen sind, die so schnell zur Stelle ist. Wer normalerweise Auswärtsfahrten, Sonderzüge und riesige Choreos im Stadion auf die Beine stellt, der schafft es auch, Hilfe zu organisieren, wenn sie dringend gebraucht wird.