Als kleines Kind habe ich mir die Münchner Allianz Arena wie einen großen roten Luftballon vorgestellt. Was sich auf den ersten Blick natürlich unglaublich lächerlich anhört und wie das Zeugnis einer blühenden Kinderphantasie wirkt, war im Grunde nichts anderes als die gnadenlose Überhöhung des eigenen Vereins durch einen kleinen, frenetischen Bayern-Fan. Ich bin Anhänger des FC Bayern, seit ich denken kann. Ich wurde klassisch in das Fandasein hineingeboren und hatte eigentlich keine Wahl. Trotzdem war der Verein für mich immer das Größte. Als Kind war ich fasziniert von den schönen roten Trikots und dem Gefühl, fast jede Woche mehrmals bei einem Fußballspiel jubeln zu dürfen. Natürlich kannte ich jeden Spieler mit Namen, dessen Rückennummer und sein Lieblingsessen, so dass der Verein für mich zur zweiten Familie wurde.
Entsprechend aufgeregt war ich bei meinem ersten Stadionbesuch im Jahr 2006. Ich weiß noch genau, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam, als ich die neu gebaute, knallrote Arena zum ersten Mal mit eigenen Augen sah. Sie erschien mir so gigantisch und erinnerte mich mit ihrem pufferartigen Aussehen tatsächlich an einen Luftballon. Dass ich wenige Minuten später im Inneren Popcorn essen durfte, einen Clown traf und beim Fußballspielen bestens unterhalten wurde, machte die Zirkus-Assoziation in meinem Kopf perfekt. Dass ich tief in meinem Inneren auch als Sechsjähriger wusste, dass es so große Ballons gar nicht geben konnte und der Clown nur das Maskottchen des damaligen Gegners Mainz 05 war – geschenkt. In meiner kindlich gnadenlosen Überschätzung des großen FC Bayern war ich mir sicher, dass dieser es sogar möglich machen würde, dass man in einem großen Luftballon tatsächlich Fußball spielen könnte.
Auf dem Boden der Tatsachen
Heute, 17 Jahre später, bin ich auf dem harten Boden der Realität gelandet. Ich bin zwar immer noch Bayern-Fan, aber der Glaube an den Luftballon ist längst verflogen, und in meiner Gefühlswelt stehe ich „meinem“ Verein distanzierter gegenüber als je zuvor. Von Schwärmerei kann keine Rede mehr sein. Seit Jahren tut der Verein alles, um die eigenen Fans zu verprellen. Blickt man allein auf das Jahr 2023, reihen sich moralisch fragwürdige Entscheidungen der Vereinsführung so dicht aneinander, dass man sich als Fan vor lauter Kopfschütteln eigentlich in physiotherapeutische Behandlung begeben müsste. Sei es die unsinnige Entlassung von Julian Nagelsmann, der Wechsel vom umstrittenen Katar-Sponsoring zum fast ebenso umstrittenen Ruanda-Sponsoring oder die jüngste Fast-Reaktivierung von Jérôme Boateng – es scheint, als habe die neue alte Vereinsführung wie bei einem Kartenspiel eine Aufnahmekarte gezogen, die sie zwingt, immer wieder auf den Stapel unsinniger Entscheidungen zurückzugreifen.
Da für Fans wie mich, die aufgrund ihrer Wohnsituation nicht mal eben an die Säbener Straße fahren können, um bei einem der sehr sporadisch stattfindenden öffentlichen Trainings einen Blick auf die Spieler zu erhaschen, echte Fan-Nähe nur noch künstlich über YouTube-Videos oder Social-Media-Insights erzeugt wird, fällt es mir wirklich schwer, meine Faszination und Fan-Leidenschaft aufrechtzuerhalten. Die stinklangweilige sportliche Situation in der Bundesliga tut ihr Übriges. Deshalb frage ich mich schon lange: Mia san wer eigentlich?
Ein echter Fan-Moment
Eines muss ich aber zugeben: Ein Stadionbesuch löst in mir immer noch etwas aus. Jedes Mal, wenn ich den kleinen Hügel hinauflaufe und die Arena sehe, spüre ich ein Kribbeln in meiner abgestumpften Fanseele. So war es auch, als ich kürzlich zum ersten Mal an einem Spieltag einen Blick hinter die Kulissen eines Fußballspiels des FC Bayern werfen durfte. Im Rahmen einer „GetyourGuide“-Tour gehörte ich zu einer kleinen Gruppe, die unter anderem vor Spielbeginn den heiligen Rasen der Arena betreten durfte.
Wir wurden durch einen Seiteneingang in den Innenraum geführt, als die Mannschaften zur Spielvorbereitung den Rasen betraten. Beim Aufwärmen von Sven Ulreich stand ich so nah daneben, dass ich ihm eine verunglückte Flanke problemlos in die Arme hätte köpfen können. Ein paar Meter weiter spielten sich Thomas Müller, Harry Kane und Co. beim Rondo gegenseitig schwindelig. Direkt hinter uns stimmte die Münchner Südkurve ihre Gesänge an.
Ich spürte das Vibrieren der Trommeln, hörte jedes einzelne Wort der Fangesänge (die ich natürlich alle kenne) und sah das Hüpfen der einzelnen Menschen, die dadurch zu einer großen roten Masse wurden. Als sich dann auch noch Giovane Elber zu uns gesellte und uns alle wie einen alten Schulfreund begrüßte, passierte es: Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper. All diese Eindrücke und die Wucht dieses Erlebnisses lösten in mir Gefühle aus, von denen ich dachte, dass sie irgendwo in meiner Kindheit unwiederbringlich verloren gegangen waren. Ich spürte die Kraft und Faszination des Fußballs und meine Liebe zum Verein. In meinem Kopf tauchten die schönsten und schlimmsten Momente auf, die ich mit dem FC Bayern verbinde.
Ich sah mich weinen, als Oliver Kahn 2008 seine Karriere beendete. Ich habe gesehen, wie ich nach dem Finale Dahoam wutentbrannt einige Bayern-Poster in meinem Zimmer zerrissen habe. Ich sah mich aber auch glücklich und bierselig in einer Kneipe im Urlaub über den Champions-League-Sieg 2020 jubeln. All das ging mir in diesen Sekunden durch den Kopf, als ich auf dem Rasen der Arena stand. Ich hatte einen echten Fan-Moment. Für ein paar Minuten vergaß ich, wie weit ich mich eigentlich vom Verein entfernt hatte, und erlaubte mir, pure Fan-Freude zu empfinden. Für ein paar Minuten war die Allianz Arena wieder ein großer roter Ballon.
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