Manchmal, wenn Charly Dörfel und Gerhard Krug an einer Haltestelle inmitten von Fans auf die nächste Straßenbahn zum HSV-Heimspiel am Rothenbaum warteten, taten sie so, als wären sie keine Fußballer. Sie gaben sich als Tresenkumpels, Schlachtenbummler oder Schulfreunde und mischten sich, die Sporttasche hinter dem Rücken versteckend, ganz unerkannt unters Volk.
Das klappte im Spätsommer 1958 ausgesprochen gut, schließlich war Dörfel erst wenige Monate zuvor zum HSV gewechselt, Krug spielte zwar seit 1956 beim Klub, doch die Zeit, da täglich Farbfotos von Fußballstars die Titelseiten der Presse schmückten, war noch nicht angebrochen. Wenn die Fans also an der Straßenbahnhaltestelle über die Leistungen der HSV-Spieler in den vergangenen Wochen herzogen, stimmten Krug und Dörfel nur allzu gerne in den Chor der ewigen Nörgelnden ein: „Ganz recht, Uwe, Heinz, Dieter – die spielen unterirdisch“, sagte Gerhard Krug. „Und der Charly kann gar nichts! Schlimmer ist nur der Krug!“ Danach lösten sie ein Ticket, quetschten sich in den Waggon und stimmten die Lieder des Vereins an, ihres Vereins.
Irgendwann später schrieb Gerhard Krug als Journalist einmal ein tragikkomisches Porträt über Charly Dörfel, das pointiert den Abschied von den rauen und öffentlichkeitsfernen Oberligajahren und die Ankunft in den Spotlights der kommerzielleren Bundesliga zeigt: „Manchmal kam es vor, da durfte ich ihn nicht ansprechen, er hielt sich, von Nervosität gezeichnet, stundenlang auf dem Klo auf.“ Irgendwann später auch erinnerte sich Charly Dörfel an die frühen Jahre mit Gerhard Krug. „Gerd Krug, Uwe Reuter, Jürgen Werner, spielten gerne mal Hacke‑1 – 2‑3, durch die Beine, Tunnel, Übersteiger und so etwas. Das waren die Studenten, die Intellektuellen in der Truppe. Uwe fuhr dann aus der Haut: ›Dann kann ich ja in die Kabine gehen‹, rief er. Und die Trickser antworteten prompt: ›Du Arsch, geh mal nach vorne und mach deine Torschussübungen.‹“
Gerhard Krug wollte Lehrer werden und wurde Journalist
Sie kamen aus ganz unterschiedlichen Ecken. Krug war der kluge Kopf im Team. Dörfel der Spaßmacher. Krug sollte bald Germanistik, Literaturwissenschaften und Sport studieren. Klar war schon in Profijahren, dass er auf der Bühne des Fußballgeschäfts nicht alt werden wollte. „Uwe Seeler trainierte mehr als wir, er nahm das schon sehr viel ernster. Wir hatten so ein bisschen Lust am Kicken, fanden das eigentlich ganz witzig, wollten aber alle Lehrer werden.“ Schließlich landete Krug als Reporter und Redakteur bei der Welt, dem Stern, bei Tempo oder dem Hamburger Abendblatt. Dörfel wurde Angestellter beim Ortsamt und legte Autos still. Später bespaßte er sein Publikum als Clown beim Zirkus Krone.
So unterschiedlich Dörfel und Krug Lebenswege von Anbeginn schon in Skizzen angelegt waren, so sehr standen sie in jenen Jahre als Sinnbild einer Mannschaft im wahrsten Sinne. Beim Meisterschaftsendspiel 1960 siegten elf gebürtige Hamburger, fünf alleine stammten aus der Straßenmannschaft, die sich in Kindertagen unweit des Altonaer Lessingtunnels formiert hatte. Ein Team aus Freunden. Nun standen sie dort vor 70.000 Zuschauern im Frankfurter Waldstadion: Uwe Seeler und Charly Dörfel, die Arbeiterkinder, neben Uwe Reuter oder Gerhard Krug, den Akademikern. Sie piesackten sich, doch sie brauchten sich auch. Günter Mahlmann benutzte nach der Meisterschaft von 1960 häufig ein Wort, das durch seinen inflationären Gebrauch heute jeder Bedeutung beraubt ist: Teamgeist. Dank dem pädagogischen Geschick Mahlmanns und dem unbedingten Glauben gewann der HSV als Außenseiter das Finale gegen den 1. FC Köln, in dem sich einige Spieler wegen der sengenden Hitze über dem Platz schleppten wie alte Hunde.
„Respekt vor der Leistung des Gerhard Krug“
„Gegen Köln herrschten höllische Temperaturen“, erinnerte sich Dörfel später. „Ich suchte oft den Schatten der Flutlichtmasten und bewegte mich minutenlang nicht vor und nicht zurück.“ Der Linksaußen schoss trotzdem ein Tor. Erfolglos blieb indes der Kölner Helmut Rahn. Es war das große Verdienst von Gerhard Krug, der sich 90 Minuten an die Fersen des 54er-Weltmeisters heftete. Der ehemalige Außen- und Halbstürmer hatte mittlerweile vom Halbstürmer zum Verteidiger umgeschult. Das Sport Magazin hob ihn, der oft im Schatten von Topstars wie Uwe Seeler, Klaus Stürmer oder Horst Schnoor stand, aus dem Teamgebilde hervor. „Welchen Respekt müssen wir jetzt vor der Leistung des Gerhard Krug haben. Dieser kleine sympathische Hamburger verzagte und veragte nicht. Beim entscheidenden Endspurt war er da.“
Die Meisterschaft 1960 war Krugs größter Triumph. Die dramatischsten Spiele erlebte er allerdings im Europapokal. „Das beste Spiel meiner Karriere war das 4:1 gegen den FC Burnley“, schrieb er später. Tatsächlich setzte vor Viertelfinalpartie im Landesmeister-Cup 1960/61 niemand mehr einen Pfifferling auf die Hanseaten. Burnley hatte zu Hause 3:1 gewonnen – der HSV war in England von gegnerischen Fans, Hoteliers und Kluboberen schikaniert worden. Die Revanche glückte im Rückspiel. Der HSV siegte 4:1. Wenig später folgten die legendären Halbfinalpartien gegen den FC Barcelona. Nach einem 0:1 im Hinspiel führte der HSV vor 80.000 im Volksparkstadion bis zur 90. Minute mit 2:0 – ehe Sandor Kosics traf. „Ich habe nie so ein leises Stadion erlebt. Nie so eine leise Kabine“, schrieb Krug rückblickend. Noch Jahre später feixten Dörfel, Seeler und Krug darüber, wer den Fehlpass gegeben hatte, von dem Kosics profitierte. Jeder wusste, dass es Seeler war. „Ich würde das Stadion trotzdem Uwe-Seeler-Stadion nennen“, schrieb Krug über sein großes Fußballidol.
„Uwe brüllte mich an: ›Bist du verrückt!‹“
Wenn Krug seine ehemaligen Mitspieler in der Welt oder im Abendblatt porträtierte, und das tat er häufig, nahm er sich bescheiden zurück. Wie ein Beobachter, der plötzlich und unerwartet in diesen Zirkel von Profifußballern gestolpert war, blickte er angenehm unaufgeregt auf seine Mannschaft, die einst von Erfolg zu Erfolg geeilt war. Einmal schrieb er etwa eine wunderbare Hommage an Uwe Seeler und erinnerte sich an ein Spiel gegen Braunschweig, bei dem der HSV zur Halbzeit 0:4 zurücklag. „Es war eine Katastrophe. Als ich zaghaft vorschlug, doch die Niederlage in Grenzen zu halten, brüllte Uwe mich an: ›Bist du verrückt – in Grenzen halten! Warum sollen wir nicht gewinnen?‹ Alle spielten fortan wie im Rausch, am Ende stand es 6:4.“
Ein Enthusiast was Fußball anging, ein kritischer Betrachter was die rasante und für ihn mitunter befremdliche Entwicklung des Geschäfts betraf. Ohne sich zu beschweren, dass er von den großen Kuchenstücken, die erst später verteilt wurden, nie etwas abbekam, blickte auch leicht irritiert auf die Star-Werdung in der heutigen Zeit: „Es gibt Spieler, die aus taktischen Gründen zehn Minuten eingesetzt werden und zum Helden in dieser Ersatzreligion Fußball werden.“
Zuletzt arbeitete Gerhard Krug im Aufsichtsrat des HSV. Am 11. Juni 2011 legte er sein Mandat aus gesundheitlichen Gründen nieder. Er hatte sich bei einem Sturz im Januar dieses Jahres mehrere Rippen gebrochen, von denen eine in die Lunge eingetreten war. Gerhard Krug verstarb einen Tag später im Alter von 74 Jahren.