Dieses Interview erschien erstmals in 11FREUNDE #241 im Dezember 2021. Das Heft gibt es bei uns im Shop. Damals war Schultz Trainer beim FC St. Pauli. Im Dezember 2022 wurde er vom Zweitligisten entlassen. Nach einem kurzen Engagement beim FC Basel im Sommer 2023 wurde er heute beim 1. FC Köln als neuer Cheftrainer vorgestellt.
Timo Schultz, wird Ihnen die Liebe manchmal zu viel, die Ihnen von Seiten der Anhänger des FC St. Pauli entgegenschlägt?
Mir ist wichtig, dass im Stadion die Spieler im Mittelpunkt stehen. Deshalb ist es mir teilweise auch unangenehmen, wenn die Zuschauer mich beklatschen und meinen Namen rufen, denn diese Liebe sollte doch besser den Spielern zukommen.
Der Musiker und Fan Thees Uhlmann hat die allgemeine Begeisterung über Sie in einem Lied so zum Ausdruck gebracht: „Du sollst mein allerletzter FC-Sankt-Pauli-Trainer sein.“ Dann müssten Sie aber noch das eine oder andere Jahrzehnt bleiben.
Mich verbindet mit Thees zwar eine lange Freundschaft, aber ich weiß auch nicht, wie er darauf gekommen ist. Vermutlich wollte er damit ausdrücken, dass wir in den letzten Jahren eine ziemlich hohe Fluktuation auf der Trainerposition hatten. Wenn ein Trainer aber länger im Amt ist, ist er wahrscheinlich auch relativ erfolgreich. Und wenn ich hier die nächsten drei bis fünf Jahre Trainer bleiben sollte, wird das also eine sportlich relativ erfolgreiche Zeit gewesen sein.
Sie sind für Fans nicht nur deshalb eine Legende, weil sie seit 16 Jahren im Klub sind …
… also der Begriff Legende trifft auf mich nun wirklich nicht zu.
Aber Sie werden nicht bestreiten, dass Sie in zwei legendären Teams des FC St. Pauli gespielt haben. In dem, das 2006 als Drittligist bis ins Halbfinale des DFB-Pokals gekommen ist, und der letzten Bundesligaaufstiegself 2010. Woran erinnern Sie sich lieber?
Im Grunde war das ja eine Mannschaft. Der Kern hatte damals in der Dritten Liga angefangen und ist dann unter Stani …
… Trainer Holger Stanislawski …
… von der dritten in die erste Liga durchgegangen. Das war eine gigantische Zeit für jeden Spieler, jeden Verantwortlichen und jeden Fan. Für mich war es mit Abstand das Schönste, was ich als Spieler erleben durfte.
Stimmt es eigentlich, dass sich die Spieler aus jenem Team „Höllenhunde“ nennen?
Den Namen hat uns Stani gegeben. Er hat immer versucht, positive Emotionen zu kultivieren, und dazu gehörte auch das mit den „Höllenhunden“. Jeder Spieler von damals erinnert sich sofort an die Magie und hat ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn er den Begriff hört.
Was tut den Jungs gut? Schultz mit seinen Stürmern Daniel-Kofi Kyereh und Guido Burgstaller (rechts)
Nikita Teryoshin
Sie haben diese Spieler als „Haufen aus Gescheiterten und Halbtalentierten“ bezeichnet. Ist das eine nachträgliche Stilisierung, oder war es wirklich so?
Da waren viele Spieler, die wie ich aus einer zweiten Mannschaft kamen oder irgendwo übriggeblieben waren, aber es waren auch nicht alles Vollblinde. Vor allem hatten wir ganz viele Charaktere auf dem Platz, die wussten, wie man Spiele gewinnt. Dazu kam Stanis gutes Händchen, das Optimale aus der Truppe rauszuholen, und spätestens in der zweiten Liga haben wir auch fußballerische Qualität dazubekommen. Der Kern der Truppe war sehr bodenständig und verliebt in den Verein und in den Stadtteil. Wir sind mit den Fans in eine Sache reingewachsen, von der niemand zu träumen gewagt hätte.
Zum Halbfinalspiel 2006 gegen die Bayern machten Ihre Mannschaftskameraden Benjamin Adrion und Marcel Eger ein Lied. Weil sie vorher im Urlaub auf Jamaika gewesen waren, war’s Reggae, entstanden unter dem Einfluss einer „Sportzigarette“. War St. Pauli damals etwa eine Kiffertruppe?
Nein, in Wirklichkeit waren wir sogar mega-professionell. Wir haben so intensiv trainiert, wie ich das vorher und hinterher nie erlebt habe. Bei jedem Training hat der Rasen gebrannt, denn jeder wollte jedes Trainingsspiel gewinnen. Wir waren beileibe nicht die lustige Truppe, die zufällig ein paar Spiele gewonnen hat.
Bedeutete die Pokalsaison vor 15 Jahren bei allem rustikalen Charme auch den Beginn des modernen FC St. Pauli, weil der Klub damals nicht nur vor der Pleite gerettet, sondern auch der Stadionneubau auf den Weg gebracht wurde?
Ja, und wenn man heute das Stadion sieht, das Trainingsgelände, den ganzen Verein, sind das zwei Welten.
Bedauern Sie es, dass St. Pauli inzwischen nicht mehr der romantische Underdog ist?
Das ist eine fies gestellte Frage, aber ich will mal so antworten: Ich bin wirklich froh, dass ich noch im alten Stadion spielen durfte. Jeder Fußballromantiker bekommt bei der Erinnerung daran eine Gänsehaut. Der Millerntor Roar, wo man dachte, das ganze Stadion bebt, die ganzen Gerüche, die Atmosphäre mit den Leuten in den Bäumen, das ist schon einzigartig gewesen. Trotzdem haben wir es sehr geil hinbekommen, das St. Pauli-Gefühl ins neue Stadion zu transportieren, auch wenn es vielleicht nicht mehr so versifft ist.
Würden Sie sagen, dass Sie Fan des Klubs sind?
Als Ostfriese wächst man erst mal mit Werder Bremen auf, aber ich bin relativ früh nach Hamburg gezogen und war dann tatsächlich häufiger als Fan bei St. Pauli im Stadion, bevor ich als Spieler kam. Aber heutzutage bin ich zu sehr drin, um mich noch als Fan zu bezeichnen. Außerdem wäre ich dann vielleicht auch zu emotional, um objektive Entscheidungen zu treffen.