Es gibt so Spieler, denen ver­zeiht der Fan gerne ein wenig mehr. Er ver­zeiht schlud­rige Pässe, ali­bi­mä­ßiges Zwei­kampf­ver­halten, sogar ein Hin­ter­her­traben sei ver­ziehen. So lange dieser Spieler im nächsten Moment wieder einen genialen Schnitt­stel­len­pass spielt, seinen Gegner mit einer geschickten Pirou­ette aus­steigen lässt oder einen Ball wun­derbar über den Spann ins lange Eck rut­schen lässt. Dort­munds Raphael Guer­reiro ist ein sol­cher Spieler. Angeb­lich ist er Links­ver­tei­diger. Aller­dings sieht er in einem seiner wenigen Inter­views auf der ver­eins­ei­genen Web­site selbst ein: ​Ich bin auch als linker Ver­tei­diger kein typi­scher linker Ver­tei­diger.“ Sein Offen­siv­drang sucht seines glei­chen in der Bun­des­liga. Seit dem Wochen­ende ist Guer­reiro mit elf Assists der beste Vor­be­reiter der Liga. Und der BVB steckt in einem kleinen Luxus-Dilemma. Denn Guer­reiros Ver­trag läuft zum Sai­son­ende aus. Und für Ersatz ist schon gesorgt. Dabei kann der Klub auf einen Raphael Guer­reiro in dieser Form doch nicht mehr ver­zichten. Oder?

Seitdem Raphael Guer­reiro 2016 zu Borussia Dort­mund gewech­selt ist, scheiden sich an seiner Person die Geister: Nicht nur die Dort­munder Fans lieben seinen offen­siv­freu­digen Spiel­stil, die tech­ni­schen Fähig­keiten und seine Spiel­in­tel­li­genz im letzten Drittel. Ande­rer­seits ist Guer­reiro jedoch häufig ver­letzt, mit­unter ein Schwach­punkt in der Defen­sive, es gab auch ver­ein­zelte Vor­würfe der Undis­zi­pli­niert­heit. 2019 wollten die Ver­ant­wort­li­chen Guer­reiro darum schon einmal abgeben. PSG, von Thomas Tuchel trai­niert, zeigte sei­ner­zeit großes Inter­esse, ein Abgang schien aus­ge­macht. Doch Raphael Guer­reiro zog das Tempo an, blieb beim BVB, wurde zuneh­mend im linken Mit­tel­feld auf­ge­stellt und spielte unter Lucien Favre die beste Saison seiner Kar­riere.

Vor der aktu­ellen Saison klang es dann wieder so, als würden sich die Wege von Raphael Guer­reiro und Borussia Dort­mund wirk­lich all­mäh­lich trennen. Der BVB bag­gerte ziem­lich offensiv an David Raum, einem auf­stre­benden Natio­nal­spieler, der Guer­reiro ersetzen könnte. Als die TSG Hof­fen­heim aber die Ablöse von 25 Mil­lionen Euro in den, nun ja, Raum warf, da fühlten sich die Dort­munder Ver­ant­wort­li­chen womög­lich an den ver­gleich­baren Nico-Schulz-Deal zwei Jahre zuvor erin­nert und nahmen lieber mal Abstand von der Idee. Statt­dessen soll zur neuen Saison Glab­dachs Ramy Ben­se­baini ablö­se­frei kommen. Ein altes Expe­ri­ment von Thomas Tuchel könnte Raphael Guer­reiro nun trotzdem eine aber­ma­lige Ver­trags­ver­län­ge­rung bescheren.

Für mich ist er ein Spiel­ma­cher“

In seiner ersten Saison 2016/17 setzte Thomas Tuchel den damals 23 Jahre jungen Guer­reiro, der gerade Euro­pa­meister mit Por­tugal geworden war, in 11 von 24 Spielen auf der Ach­ter­po­si­tion ein. In jenen Raum, in den er auch als nomi­neller Links­ver­tei­diger per­ma­nent ein­drang. Die neue Posi­tio­nie­rung brachte Erfolg. Guer­reiro kam auf 16 Scor­er­punkte in 35 Spielen. Am Ende der Spiel­zeit 2016/17 wurde Thomas Tuchel beim BVB ent­lassen und das Expe­ri­ment mit Guer­reiro auf der Acht fürs Erste beendet. Auch aus Mangel an Alter­na­tiven spielte der Por­tu­giese unter den fol­genden Trai­nern Peter Bosz und Peter Stöger in erster Linie wieder Links­ver­tei­diger. Lucien Favre setzt ihn auf der linken Außen­bahn ein. Ein­sätze im zen­tralen Mit­tel­feld waren höchs­tens mal eine Aus­nahme.

Bis zum Revier­derby gegen Schalke im März dieses Jahr. Dem aktu­ellen BVB-Trainer Edin Terzic gingen die Alter­na­tiven in der Zen­trale aus. Krea­tiv­spieler wie Marco Reus und Julian Brandt fehlten ver­letzt. Terzic packte also Tuchels alten Schachzug aus und stellte Guer­reiro auf die Acht. Und der Por­tu­giese lie­ferte: Er war Dreh- und Angel­punkt der Dort­munder Offen­sive, bereitet das 1:0 vor und erzielt das 2:1 selbst. Im nächsten Spiel gegen den 1. FC Köln ein ähn­li­ches Bild: Der Edel­tech­niker traf erneut und bereitet zwei Tore vor. ​Natür­lich spiele ich auch gern im Zen­trum, als Nummer acht oder sechs“, sagte Guer­reiro schon 2021. Sein Mit­spieler Thomas Meu­nier sieht das ganz ähn­lich: ​Für mich ist er ein Spiel­ma­cher. Ich würde ihn gerne im Mit­tel­feld auf der Acht oder Zehn sehen. Er ist ein wun­der­barer Fuß­baller und meiner Mei­nung nach kein Ver­tei­diger.“

Das ruhige Genie

Was Meu­nier meint? Raphael Guer­reiro zieht den Ball förm­lich an, seine Mit­spieler suchen ihn, seine tech­ni­sche Prä­zi­sion ver­leiht nicht nur seinem eigenen, son­dern auch dem Spiel seiner Neben­männer Sicher­heit. Der 29-Jäh­rige findet auch auf engstem Raum spie­le­ri­sche Lösungen. 29 Tore und 40 Vor­lagen in 156 Bun­des­li­ga­spielen sind ein­drucks­volle Sta­tis­tiken für einen nomi­nellen Defen­siv­spieler. ​Ich habe einen starken Offen­siv­drang und will Pässe in die gefähr­li­chen Zonen spielen, um Lücken zu finden“, sagte Guer­reiro im Inter­view mit bun​des​liga​.com. Sein Vor­bild sei sein Lands­mann Fabio Coen­trao gewesen, ehe­ma­liger Links­ver­tei­diger bei Real Madrid, auch er war bekannt für seinen ver­ti­kalen Spiel­stil. Und für seinen Lebens­stil als Lebe­mann.

Dahin­ge­hend dient er Raphael Guer­reiro kaum als Refe­renz­punkt. Im Gegen­satz zu seinem spek­ta­ku­lären Spiel­stil ist Guer­reiro abseits des Platzes näm­lich ein äußerst schüch­terner Typ. Er gibt selten Inter­views und ist in den sozialen Netz­werken nur wenig aktiv. Selbst in Dort­mund könnten nur die Wenigsten ein aus­sa­ge­kräf­tiges Per­sön­lich­keits­profil von Guer­reiro anfer­tigen. Und das, obwohl der Por­tu­giese nach Marco Reus mitt­ler­weile der dientst­äl­teste Profi im BVB-Kader ist. ​Ich spreche nicht so oft in den Medien und das ist bewusst so gewählt. Ich möchte ein­fach nur kicken und stehe hin­terher nicht so gerne im Mit­tel­punkt“, sagt er im Gespräch mit Sport1.

Mo Dahoud ver­lässt den BVB – Vor­teil Guer­reiro?

Das mit dem Im-Mit­tel­punkt-Stehen ist bei seinem Leis­tungs­auf­schwung leichter gesagt als getan. Im Jahr 2023, in dem er zwi­schen Links­ver­tei­diger und Achter pen­delt, kommt Guer­reiro auf neun Vor­lagen und zwei Tore. Zuletzt wurde er zum Spieler des Monats März gewählt. Inzwi­schen ist eine Ver­trags­ver­län­ge­rung wieder sehr viel wahr­schein­li­cher. ​Vor Wochen wurde ja schon geschrieben, dass eine Ent­schei­dung gefallen ist, dass uns ​Rapha‘ ver­lassen muss“, sagte Sebas­tian Kehl laut Waz und fügte an: ​Das ist nicht so, das ist offen. Wir sind in Gesprä­chen.“

Dass Mo Dahoud den BVB im Sommer ver­lassen wird und Jude Bel­lingham bald wohl den nächsten Kar­rie­re­schritt folgen lassen wird, könnte Raphael Guer­reiros Chancen zusätz­lich stei­gern. Für den Verein wäre eine Ver­trags­ver­län­ge­rung mit dem Por­tu­giesen ein Weg, die dro­henden Abgänge intern auf­zu­fangen. Und für den BVB-Fan böte sich noch die ein oder andere Mög­lich­keit, dem schuldig wie genialem Guer­reiro zu ver­zeihen.