In Eindhoven laufen die letzten Minuten des Champions-League-Finals der Frauen. Der FC Barcelona führt nach 90 Minuten gegen den VfL Wolfsburg. An der Seitenlinie zeigt die vierte Offizielle auf der digitalen Anzeigetafel den fünften Wechsel des FC Barcelona an.
Die 14 soll raus, die 11 soll kommen. Die Mittelfeldspielerin Aitana hat Feierabend nach einem starken Spiel inklusive einer Torvorlage. Viel interessanter ist in diesem Moment aber die Spielerin, die das Feld betreten soll. Es ist die mittlerweile zweifach ausgezeichnete Ballon‑D’Or-Gewinnerin Alexia Putellas. Für 90 Minuten war sie nach ihrer Ausfallzeit von 10 Monaten noch nicht fit genug. Ihr Team feierte auch ohne ihren Superstar einen Titel nach dem anderen. Es war die bereits vierte Final-Teilnahme in den letzten fünf Jahren. Gegen den VfL Wolfsburg konnte die Mannschaft den zweiten Titel feiern.
Das Champions-League-Finale: Ein Spiegelbild
Auf der anderen Seite: der VfL Wolfsburg. Und diese Mannschaft, die voll von deutschen Nationalspielerinnen ist, dominiert seit einigen Jahren zusammen mit dem FC Bayern München den deutschen Frauenfußball. Zumindest national. International konnten die Wölfinnen zwar 2014 die Champions League gewinnen, wurden aber seitdem vor allem von den Französinnen und den Spanierinnen überholt.
Das diesjährige Champions-League-Finale wurde dabei zum Spiegelbild der Entwicklung des Frauenfußballs. Früh konnten die Wolfsburgerinnen in Führung gehen, erhöhten sogar auf 2:0. Danach waren es die Spanierinnen, die das Spiel an sich nahmen und drehen konnten. Barcelona war letztendlich den Wolfsburgerinnen, die überfordert hinterherliefen, deutlich überlegen und holte den Titel. So gut die Deutschen allgemein im Frauenfußball mal angefangen haben, im Vereinsfußball wurden sie auf internationaler Bühne längst überholt.
Einige Klubs, die in der Vergangenheit die Königsklasse gewinnen konnten, sind mittlerweile aus den größten Fußballwettbewerben verschwunden. Ein Beispiel ist der 1.FFC Turbine Potsdam, der letztmals 2010 die Champions League gewann. Im Frauenfußball haben sich mit der Zeit die aus dem Männerfußball bekannten Vereine etabliert, klassische und traditionsreiche Frauenfußballklubs werden nach und nach verdrängt.
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Das Potential
Und auch der FC Barcelona profitiert im Frauenfußball von seiner großen Strahlkraft. Der Verein war über Jahre einer der größten Protagonisten des Weltfußballs und hat wohl zur rechten Zeit das Potential des Frauenfußballs entdeckt. Aktuell befindet sich die 2002 in den Verein integrierte Frauenabteilung an dem Punkt, an dem sich die Männer in der Ära unter Pep Guardiola befanden: am Gipfel.
Das liegt vor allem daran, dass der Verein seit 2015 einen klaren Plan verfolgt, der die Frauen-Abteilung gezielt fördert. Auf spielerischer und marketingtechnischer Ebene wird seitdem auf höchst professionellem Niveau gearbeitet. Wie bei den Männern ist der Verein auf dem Weg, dauerhaft den höchstmöglichen Erfolg zu schaffen.
Denn sportlich hat der Klub genau da angesetzt, was ihn schon immer auch im Bereich der Männer stark gemacht hat. An einem Spielsystem, das bereits in den frühen Jugendjahren in allen Mannschaften gespielt wird. Die berühmte Fußballschule der Katalanen „La Masia“ spuckt jedes Jahr neue Talente aus. Im aktuellen Kader stehen neun Spielerinnen, die aus der vereinseigenen Talentschmiede stammen.
Zusätzlich besitzt der FC Barcelona eine Finanzkraft, bei der andere Vereine noch nicht annähernd mithalten können. 2022 verpflichteten sie für 460.000 Euro, Rekordtransfer im Frauenfußball, die englische Europameisterin Keira Walsh. Zum Vergleich, Finalgegner Wolfsburg verpflichtete für die kommende Saison Vivien Endemann aus Essen für 100.000 Euro und knackte damit den eigenen Vereinsrekord. Die Mittelfeldspielerin Walsh war das nächste Puzzleteil des Starensembles von Barcelona auf dem Weg zum Champions-League-Titel.
Dominierender Erfolg
Die Erfolge sind dank der Art und Weise, wie das Team ständig verstärkt wird, mittlerweile quasi zwangsläufig. Die letzten vier La-Liga-Saisons konnte der Verein alle mit dem Meistertitel beenden. 2021/2022 gewann Barca sogar jedes einzelne Spiel. Erst im Mai 2023 wurde die Mannschaft nach 62 Liga-Siegen am Stück vom FC Sevilla mit einem 1:1 gestoppt. Den Meistertitel feierte das Team von Trainer Jonatan Giraldez wieder einmal praktisch konkurrenzlos.
Der lässt die Truppe im altbekannten Barcelona-Spielsystem, dem 4−3−3, auflaufen. Also der Spielform, die traditionell bereits in den Jugendmannschaften des Vereins gespielt wird. Der 31-Jährige setzt dabei insbesondere auf das Gesamtgefüge, weniger auf individuell herausstechende Klasse. Die Mannschaft kommt pro Spiel auf durchschnittlich 70 Prozent Ballbesitz und spielt 528,4 Pässe pro Spiel. Die Nigerianerin Asiat Oshoala ist mit 21 Treffern die Toptorjägerin ihres Teams, die restlichen 97 Saisontore verteilen sich aber auf 21 weitere Spielerinnen.
Hinzu kommt die hohe Passsicherheit der einzelnen Akteurinnen. Insbesondere Mapi Leon ist dabei hervorzuheben. Die 27-Jährige kommt im Durchschnitt auf eine sagenhafte Quote von knapp 91 Prozent erfolgreicher Pässe. Torhüterin Sandra Panos wehrt 78 Prozent der Torschüsse, die auf ihr Tor gefeuert werden, ab.
Der Putellas-Effekt
Und dabei fehlte über viele Monate ein ganz großer Name verletzungsbedingt. Ebenjene Alexia Putellas, die wohl bekannteste Fußballerin der Welt, riss sich vor der EM im Sommer 2022 das Kreuzband und fiel den Großteil der Saison aus. 2012 kam sie aus Levante zurück nach Barcelona, wo sie bereits ein Jahr in der Jugend gespielt hatte.. Seit ihrer Rückkehr spielte die spanische Mittelfeldakteurin für die Blaugrana über 300 Mal und erzielte weit mehr als 100 Tore.
Und diese spielerische Klasse weiß der Verein auch bestens zu vermarkten. Ähnlich wie bei den Männern lässt der Verein in Sachen Marketing und PR für sein Frauenteam quasi nichts aus. Ob damals Lionel Messi oder heute Alexia Putellas: Der FC Barcelona macht es nur im Komplettprogramm. Die Trikotverkäufe der Frauen explodieren seitdem regelrecht. In der Vergangenheit überschritten die einzelnen Trikotverkäufe von Alexia Puttelas sogar die von Barcelonas Wunderkind Pedri. Zusätzlich ließ der Verein eine Doku über das Frauenteam drehen, die sich Fans über die vereinsinternen Kanäle ansehen können.
Der Klub hat schnell verstanden, wie die Spielerinnen zu bewerben sind, wie sie dem Publikum vertraut gemacht werden können. Mit Erfolg: Von 2017 bis 2022 hatte sich die Zahl der fußballspielenden Mädchen von 10.000 auf 15.000 erhöht.
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