Es war das größte Spiel seiner noch jungen Karriere. Und vielleicht war es auch das letzte. Eritreas U20-Nationalstürmer Meweal Yosief (19) hatte beim 5:0 über die Auswahl Sansibars zweimal selbst getroffen und ein Tor vorbereitet. Das war vor dreieinhalb Monaten beim »Cecafa Under 20 Challenge Cup« in Uganda. Kurz nach dem Schlusspfiff erreichte die »siegreichen Helden« ein offizieller Glückwunsch-Tweet vom eritreischen Sportminister Yemane Gebremeskel, der zu diesem Zeitpunkt freilich nicht wissen konnte, dass Meweal und drei seiner Teamkollegen nicht mehr in die Heimat zurückkehren würden. Jedenfalls nicht freiwillig.
Als die Delegation des eritreischen Verbandes am Abend nach dem 5:0‑Sieg im Mannschaftshotel zusammenkam, gab es Sekt für die Funktionäre und Saft für die Spieler. Doch Meweal Yosief sowie seine Mitspieler Simon Asmelash, Hermon Yohannes und Hanibal Tekle, verspürten keine große Lust auf einen Umtrunk. Stattdessen baten sie die mitgereisten Aufpasser, einen kleinen Spaziergang durch die kühle Abendluft unternehmen zu dürfen. »Unser Sieg gegen Sansibar bedeutete ja, dass wir im Halbfinale des Turniers standen«, erzählt Meweal der Zeitung »The Guardian«, »folglich rechnete niemand damit, dass wir uns absetzen würden.« Doch genau das taten die vier.
»Wenn sie uns erwischen, könnte uns zu Hause eine lange Haft, eine andere Bestrafung oder sogar der Tod drohen.«
Und so verwundert es wenig, dass in jüngerer Zeit über 50 eritreische Topkicker getürmt sind. 2009 suchten gleich 13 A‑Nationalspieler nach einem Qualifikations-Auswärtsspiel in Kenia Asyl. Im Jahr darauf verweigerten zehn Elite-Fußballer die Heimreise von einem Match in Botswana. 2012 erreichte die Massenflucht eritreischer Nationalspieler einen traurigen Höhepunkt, als der komplette A‑Kader während eines Turniers in Uganda desertierte. Zwei Jahre später erhielten die 17 Spieler Asyl in den Niederlanden, wo einige der Kicker bis heute für unterklassige Teams spielen. Im vergangenen Dezember, also rund drei Monate nach Meweal, Simon, Hermon und Hanibal, nutzten erneut sieben eritreische Nationalspieler eine Länderspielreise zur Flucht. Eine große Zukunft als Auslandsprofi erwartet keinen von ihnen, dazu ist Eritreas Fußball viel zu schwach.
Meweal, Simon, Hermon und Hanibal wollten trotzdem weg und hatten ihre Flucht offenbar gut vorbereitet: Drei Wochen nach ihrem Verschwinden aus dem Mannschaftshotel kontaktierten sie über einen Mittelsmann die Hilfsorganisation »One Day Seyoum«, die sich speziell um politisch Verfolgte aus Eritrea kümmert. In einem Video-Appell auf dem Twitter-Account der Organisation richtete Meweal Yosief drastische Worte an die Weltgemeinschaft: »Wir sind in Lebensgefahr«, erklärte er vor laufender Kamera, »hier in Uganda gibt es viele Leute, die für die eritreische Regierung arbeiten und jetzt nach uns suchen. Wir halten uns versteckt und wechseln von Zeit zu Zeit unseren Aufenthaltsort, denn wenn sie uns erwischen, könnte uns zu Hause eine lange Haft, eine andere Bestrafung oder sogar der Tod drohen.«