Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, Nor­bert Filt­haus habe sich auf dem Weg zum Fan­block ver­irrt. Königs­blaue Ver­eins­jacke ​100 Schalker Jahre“, der Pull­over in der­selben Farbe, ein ganzer Körper, der redet, als lache man über den letzten Der­by­sieg gegen die ​Zecken“. Filt­haus aber ist Pastor, hier gehört er hin, in ​das Herz von Schalke“, wie er sagt, in die Sta­dion-Kapelle der Veltins-Arena.

Schalke 04 ist einer der drei deut­schen Ver­eine, die sich Gott ins Fuß­ball­sta­dion geholt haben, bereits seit 2001 gibt es die Kirche in der Arena auf Schalke, die weniger Kampf­bahn ist als moderner Fuß­ball­tempel. Glän­zender Stahl, end­lose Gewöl­be­gänge, mit­ten­drin das Refu­gium von Filt­haus, in dem er seit 2008 jedem das Wort des Herrn pre­digt, der es hören will. Der Raum bewusst aske­tisch gehalten, spär­lich ein­ge­richtet, die Bot­schaft dafür umso inten­siver spürbar, so der Pastor.

Um die 60.000 kommen pro Jahr in die Kapelle, nach der Messe hört man hier nicht selten die Ver­eins­hymne. ​Blau und Weiß, wie lieb ich dich“, seit fast vierzig Jahren auch Filt­haus‘ Lied, unter dem Talar trägt er gerne sein Trikot. Ein ernst­hafter Ort sei es trotzdem, beharrt er, kein Denkmal zum Ruhm des Ver­eins oder Platz für magi­schen Hokus­pokus. Fans besu­chen ihn genauso gerne wie die Spieler. Bordon, Kuranyi, Asa­moah, Holtby, sie alle waren schon da.

Ihren Glauben haben die Schalker-Fans nie ver­loren

Seit 1975 ist Nor­bert Filt­haus nun Pfarrer in Gel­sen­kir­chen, er weiß, was die Men­schen hier bewegt – und was sie durch­ge­macht haben. In den sech­ziger Jahren gab es im Ruhr­ge­biet weit über 1000 Zechen, heute sind es noch drei, 14,4 Pro­zent Arbeits­lo­sig­keit. Die Kohle, die die Region einst stark gemacht hat, hat ihr auch das Rück­grat gebro­chen. Den Glauben nie­mals, vor allem nicht an ihren Verein, ihr königs­blaues S04. Auch wenn hier so recht nie­mand mehr auf einen Fuß­ball­gott hoffen will – zu tief sitzen noch die Wunden von 2001 – ihren Glauben haben sie nie ver­loren. Die bekommt man mit in die Wiege gelegt, schon der Groß­vater von Nor­bert Filt­haus war Schalke-Fan.

Alle Men­schen werden hier in ihrer Liebe zu Gott und dem Fuß­ball akzep­tiert“, so Filt­haus. ​Hier kommt jeder, wie er ist, und wird gemocht und gewollt.“ Wo Manager und Müll­mann im Sta­dion selbst wohl kaum neben­ein­ander säßen, in der Schalke-Kapelle finden sie gemeinsam Erfül­lung. ​Es kommen Men­schen aller Gesell­schafts­schichten, denn sie alle sind durch Schalke ver­bunden.“

Mit Gott auf Schalke“ – sogar einen eigenen Fan­verein haben sie dem All­mäch­tigen gewidmet, die Schalke-Bibel, Auf­lage 8500 Stück,ist längst ver­griffen. Nur kon­se­quent also, dass Filt­haus in seiner Kapelle auch Kinder im Namen des S04 tauft: ​Ich als Pastor darf dafür beten, dass ein Kind in den Verein hin­ein­wächst. Die christ­liche Bot­schaft wird dadurch nicht gemin­dert.“

In der Arena-Kapelle gehen sie auf die 1000 Taufen zu, auch Hoch­zeiten und Trau­er­feiern können arran­giert werden. Man lebt und stirbt königs­blau – in keiner anderen deut­schen Stadt gibt es neben der Kapelle eine Geburten-Suite in Ver­eins­farben und sogar einen Fan-Friedhof. Nir­gendwo sonst findet man mit der ​Schalker Meile“ eine ganze Straße in den Ver­eins­farben blau und weiß. ​An keinem anderen Ort würde eine Braut zum Altar gehen in einem Hoch­zeits­kleid, das sie aus einem Ver­eins­trikot genäht hat.“ Fuß­ball und Reli­gion gehören hier nicht ein­fach nur zusammen, der Fuß­ball ist Reli­gion.

Gott ist die Bot­schaft – und Fuß­ball die Basis“, schmun­zelt Filt­haus über seinen Bril­len­rand, seine wachen Augen strahlen auch noch nach neun Vize­meis­ter­schaften und über 50 Jahren ohne Schale in der Bun­des­liga. ​Hier auf Schalke ist Sams­tags Fuß­ball und Sonn­tags Kirche.“ Die Sta­dion-Kapelle mit­ten­drin zwi­schen Beidem, ​ein Raum für alle Seiten des Lebens“.

Der ehe­ma­lige Fan-Beauf­tragte hat seine Grab­stelle schon reser­viert. Nummer? 04…

Alles hier ist Schalke“, so Filt­haus. ​Wie andere über das Wetter reden, reden wir über den Verein. Das ganze Leben wird um Schalke herum orga­ni­siert.“ Und sogar für den Tod treffen sie hier Vor­keh­rungen: Rolf Rojek, Vor­stand des Schalker Fan­club-Ver­band e.v., hat sich auf dem Fan-Friedhof, der erst im ver­gan­genen Dezember ein­ge­weiht wurde, bereits seinen Platz reser­viert. Unter den bisher vor­be­stellten Grä­bern hat er sich, Fan für die Ewig­keit, die Nummer 04 gesi­chert. 1904 Königs­blaue werden hier der­einst ihren Platz finden, die Sym­bolik wei­ter­ge­tragen bis hin zum Grün­dungs­jahr des Ver­eins.

(Video­credit: Pablo López Hur­tado)

Filt­haus selbst ist kein Mann dieses Hypes, kein Freund des Mar­ke­tings, er sieht sich immer noch vor allem als Diener Gottes. ​Gott steht über allem, und gibt uns die Kraft zu allem anderen.“ Er bete nicht für Schalke-Siege – für das Wohl des Ver­eins aller­dings schon. Zum Abschied ein Lachen: ​Und wenn Schalke das nächste Mal um die Meis­ter­schaft mit­spielt, werde ich schon eine Kerze anzünden.“