Es ist der zweite rauch­freie Fan-Stamm­tisch des FC Schalke 04. Den­noch qualmt es etwas in der Kneipe »Auf Schalke«, und je länger die Ver­an­stal­tung dauert, desto mehr spürt auch der Gast des Stamm­ti­sches, Trainer Fred Rutten, dass es bro­delt. Zumin­dest an der unzu­frie­denen Basis.

So sehr, dass es sogar Mode­rator Michael Wiec­zorek wegen der vielen, vielen nega­tiven Äuße­rungen etwas mulmig wird. »So schlecht ist doch nicht alles, wir haben schon ein paar gute Spiele gesehen«, sagt er und ver­sucht, Applaus für Fred Rutten zu erzwingen. Das gelingt.

Vorher aber gelingt so einiges nicht. Es ist ein außer­ge­wöhn­li­cher Fan-Stamm­tisch-Abend – er dauert länger als sonst, er bringt unzäh­lige kri­ti­sche Äuße­rungen hervor, und der Gast trinkt vor lau­fenden Fernseh-Kameras sogar ein Bier. »Aber ein kleines«, sagt er.

Der Mode­rator, der sonst immer antreiben muss, ist eigent­lich über­flüssig. Und neben ihm sitzt Fred Rutten, der sym­pa­thisch und freund­lich lächelt, aber auch den Fans nicht mehr erzählt als den Medien-Ver­tre­tern.

Keine klare Aus­sage

Und weil er zu keiner klaren Aus­sage bereit ist, stol­pert er mit dem Han­dicap der deut­schen Sprache, die ihm noch mehr zu schaffen macht als er will, schon mal in Wider­sprüche.

Warum musste der bis dahin über­zeu­gende Bene­dikt Höwedes seinen Platz in der Innen­ver­tei­di­gung räumen, als Mladen Krstajic wieder fit war? »Das Alter eines Spie­lers ist für mich nie ein Pro­blem«, sagt der Trainer dann. Er habe schließ­lich gegen Hera­cles Almelo auch viele junge Spieler ein­ge­setzt.

Fred Rutten ver­sucht zu ver­mit­teln, dass junge Spieler langsam her­an­ge­führt werden müssten, dass ein Test­spiel eben gegen dieses Almelo auf dem Park­sta­dion-Rasen eine kaum gerin­gere Bedeu­tung hat als ein Bun­des­liga-Spiel in der Veltins-Arena.

Rakitic spielt und spielt

Ivan Rakitic, der zehn Tage jünger als Bene­dikt Höwedes ist, wird aber nicht langsam her­an­ge­führt. Er spielt und spielt. Wieder muss sich der Trainer für seinen Links­außen ver­tei­digen – gegen die For­de­rung, nicht Vicente San­chez zu bringen. Es gibt Applaus im Saal.

Und was sagt er? »Ivan hat eine sehr gute EM gespielt, und er hat das in den ersten Spielen sehr gut gemacht. Dann hatte er einen Hänger.«

»Ein Scheiß-Spiel«

Ein großer Hänger war es in Köln – beim 0:1. »Ein Scheiß-Spiel«, sagt mitt­ler­weile sogar Fred Rutten. »Dafür muss ich mich bei den Fans ent­schul­digen.«

Das reicht diesen aber nicht, sie wollen wissen, warum auf der Schalker Bank nie­mand früh­zeitig reagiert hat. »Ich muss fach­lich reagieren, und nicht emo­tional«, sagt er, um direkt die nächste Frage zu hören: »Was war denn fach­lich in Köln zu sehen?« Nicht zum ersten Mal folgen zwar Worte Fred Rut­tens, aber keine schlüs­sige Ant­wort.

Per­so­na­lien geben Rätsel auf

Es sind jedoch nicht nur die Per­so­na­lien, die den Schalker Anhän­gern Rätsel auf­geben. »Ich ver­gleiche unser Spiel immer mit einem Schach­spiel«, sagt ein Fan. »Taktik und Technik sind gut, aber bis zum ersten Spielzug ver­gehen immer 30 Minuten. Warum?« Der Trainer lächelt. Und er beschützt seine Mann­schaft.

Den Satz, dass es nicht der ein­fachste Job sei, eine Mischung aus Spaß und Erfolg zu finden, wie­der­holt er. Aber: »Wir müssen jetzt etwas mehr agieren als reagieren, das ist eine Umstel­lung für die Mann­schaft.« Und? »Das braucht die Zeit.«

Ob die Fans diese Zeit haben? An diesem Abend wird zum ersten Mal deut­lich, dass der Kredit, den Fred Rutten hat, offen­sicht­lich längst nicht so groß ist wie viele denken.